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Wir modernen Mütter (und Väter)

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Neulich war ich zu einem Hauskonzert eingeladen. Es war einer dieser Abende, an denen Kinderspass und Erwachsenenunterhaltung auf wunderbare Weise miteinander verschmolzen. Während sich die Erwachsenen unterhielten und Tortillawürfel auf Zahnstocher spiessten, spielten die Kinder mit neugewonnen Freunden, um schliesslich gemeinsam mit ihren Eltern der Musik zu lauschen. Als wir später wieder um den Tisch mit den Tortillawürfeln herumstanden, entspann sich ein Gespräch, das sich dieser Tage gerne entspinnt, wenn ein paar Mütter zusammenkommen, die bereits je zwei Kinder haben. Doch, sie hätte schon gerne ein drittes, sagte dann auch die eine. Vielleicht hätte sie dann endlich kein schlechtes Gewissen mehr, dass sie ihre Wohnung nie mehr so ordentlich hinkriege, wie sie zu kinderlosen Zeiten jeweils gewesen sei.
Natürlich war dieser Beweggrund als Scherz gemeint. Erstaunlich ist aber: Hier beugt sich also eine Frau, die gerade erst an der Verteidungsrede zu ihrem Doktortitel über den freien Willen referiert hatte, offenbar ganz selbstverständlich der Vorstellung, dass Haushaltsführung vorrangig Frauensache sei und ein blankgeputztes Haus eine Visitenkarte für unsereiner Geschlecht. Warum läuft die Rollenverteilung im Familienalltag eigentlich noch immer so oft entlang der ewig gleichen Linien? Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass ein Paar die Verantwortlichkeiten, die das gemeinsame Leben mit Kindern mit sich bringt, so aufteilt, wie es bereits Eltern und Grosseltern getan haben, wenn es sich damit wohlfühlt. Aber warum finden sich oft auch Paare auf diesem Pfad wieder, denen die Wahl einer alternativen Route einst so selbstverständlich erschienen war, dass sie es gar nicht erst für nötig gehalten hatten, diese vor der Familiengründung zu besprechen?
Ich kenne in meinem Umfeld keine Frau, die je auf der Suche nach einem Versorger alter Schule gewesen wäre, sondern nur solche, die irgendwann auf einen Menschen getroffen waren, der humorvoll war und kreativ, geduldig und intelligent und mit dem es einfach passte. Ebenso wüsste ich nichts von Freunden, die bei der Wahl ihrer Partnerin in erster Linie darauf gehofft hatten, fortan jemanden an ihrer Seite zu haben, der kocht und wäscht, sondern sich in eine Frau verliebten, die zuhört und nachfragt, die beharrlich ist und grossherzig und ein ansteckendes Lachen hat. Natürlich würde man auch nach der Geburt der Kinder ein gleichberechtigtes Leben führen, da waren sich alle sicher, und die neu anfallenden Aufgaben bestimmt nicht danach aufteilen, ob sie nun traditionellerweise eher von Frauen oder von Männern ausgeführt werden, sondern ganz nach individuellen Stärken, Schwächen und Vorlieben. Doch dann muss plötzlich alles ganz schnell gehen, Wäsche, Geschirr, Rechnungen türmen sich, und auf einmal sieht sich dann eben doch die Frau am Herd stehen, die in ihrem Leben noch nie auch nur ein Ei aufgeschlagen hat und der Mann liegt nachts wach im Bett und überlegt, wie er seine Familie ernähren soll, wenn die nächste Krise wieder eine willkürliche Zahl an Arbeitsplätzen wegfegt.
Natürlich gibt es auch Frauen, die genauso das Geld nach Hause bringen. Und selbstverständlich gibt es Männer, die zwischen Weichspüler und Feinwaschmittel unterscheiden können. Es dürften einfach noch ein bisschen mehr sein.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.