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Die Zerrissenheit zwischen zwei Kindern

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Wir sind jetzt genau sechs Wochen zu viert. Man wird ja bereits in der ersten Schwangerschaft gewarnt, dass ab der Geburt des Babys alles anders ist. Beim zweiten Mal weiss man dann, dass man nichts weiss – und hat ja sowas von keine Ahnung. Ich hatte mich auf Chaos, eine nach Aufmerksamkeit suchende Erstgeborene, durchwachte Nächte, Windelmarathons und Schreistunden eingestellt. Aber eines hatte ich nicht auf dem Sender: wie sehr man zwei Kinder bedingungslos lieben, aber gleichzeitig so zerrissen zwischen beiden sein kann.
Mit dem Baby kommt wieder die Zeit der totalen Fremdbestimmung (irgendwie hatte ich das auch etwas verdrängt). Beim ersten Baby lässt man sich – vor allem als stillende Mama – früher oder später darauf ein. Beim zweiten Baby ist da aber noch ein grosses Kind, das ebenfalls Zeit mit den Eltern bzw. der Mama verbringen will. Überall heisst es: jetzt sind die Papas am Zug! Lasst die Papas ab sofort die Erstgeborenen betüddeln und versorgen. Ja, natürlich! Aber: da ist auch noch eine Mama.
Zuerst dachte ich, mit mir stimme etwas nicht. Plötzlich ist da keine Zeit mehr für unsere Grosse. Die Kleine ist ein 24-Stunden-Baby, das auf mir wohnt, an mir isst (trinkt) und auf mir schläft. Ablegen? Haha. Geht nicht. Zeit mit der Grossen alleine? Fehlanzeige. Keine 5 Minuten. Und wisst ihr was? Ich vermisse sie, die Grosse. Unheimlich fest. Manchmal zerreisst es mir fast das Herz. Da ist diese unglaublich enge Bindung, und nun muss ich sie von jetzt auf sofort schon ein ganzes Stück loslassen. Aber: Es geht unzähligen Müttern da draussen so. Da ist dieses kleine Baby, das dich so sehr braucht und du abgöttisch liebst. Und da ist dieses grosse Kleinkind, mit dem du so viele allererste Male erlebt hast, das dein Leben umgekrempelt hat, und das du so sehr liebst, dass das Herz krampft.
Was bleibt ist die Zerrissenheit der Anfangszeit. Man möchte allen gerecht werden – und das ist ein Hochseilakt. Es wird besser, hat man mir gesagt. Davon bin ich überzeugt und daran halte ich mich. Und bis dahin nehme ich mir so oft wie möglich heraus, die Grosse ins Bett zu bringen, mit ihr im Alltag mal eine halbe Stunde Duplo zu bauen oder sie durchzukitzeln. Nur sie und ich. Und den Rest der Zeit lehre ich mich im Loslassen. Etwas, das man mit Kindern nicht oft genug üben kann.
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Claudia Joller ist 1984 im Fricktal geboren und hat sich ins Luzerner Exil abgesetzt. Sie unterrichtet Wirtschaft und Gesellschaft an einer Berufsschule und ist seit Februar 2016 Mutter einer kleinen Tochter. Seit der Geburt ist eigentlich so gut wie gar nichts mehr, wie es vorher war und sie ist staunend freudig gespannt, was die Reise mit dem kleinen Leben an der Hand noch für Abenteuer für sie bereit hält. Alle Blog-Beiträge von Claudia Joller finden Sie hier.