
zvg
Monatsgespräch
Du bist nicht perfekt, aber du wirst geliebt
Wie soll man reagieren, wenn das Kind fragt: «Mama, bin ich dick?» Jasmin Navarro Bühler, Expertin für Prävention von Essstörungen, hilft Eltern dabei, das Körperbild ihrer Kinder zu stärken.
Jasmin Navarro Bühler, Sie haben ein Mitmachbuch über Körperakzeptanz für Kinder im Primarschulalter geschrieben. Warum?
Als das Kinderbuch entstand, habe ich Frauen auf ihrem Genesungsweg aus einer Essstörung begleitet. Ihre Geschichten machten mich betroffen, denn bei den meisten begannen die Körperzweifel bereits im frühen Kindesalter. Dazu muss man wissen: Jedes Kind kommt körperpositiv zur Welt und ist fasziniert von seinem Körper – was ihm die Aussenwelt auch spiegelt. Babyspeck finden alle süss. Doch sobald das Kind heranwächst, erfährt es durch Botschaften von Eltern, Ärzten und Gleichaltrigen, dass sein Körper auf eine bestimmte Art und Weise aussehen soll.
Ab welchem Alter spielt die Beeinflussung von aussen eine Rolle?
Man weiss aus Studien, dass Kinder sich bereits im Vorschulalter mit dem eigenen Körperbild auseinandersetzen. Als Orientierung dienen ihnen Eltern und gesellschaftliche Vorstellungen von Schönheit. Leider stehen die propagierten Ideale im Gegensatz zur natürlichen Entwicklung. Die Annahme, dass der eigene Körper nicht gut genug ist, kann harmlos beginnen – und dann zu einem überwältigenden Gefühl heranwachsen. Ich habe lange in Kindergärten und Schulen gearbeitet und erlebt, wie sich schon Kindergartenkinder wegen ihres Aussehens aufziehen. Auch erinnere ich mich an eine Drittklässlerin, die bereits die dritte Diät machte. Kurz: Zu viele Kinder und Jugendliche führen Krieg gegen ihren Körper.
Das klingt heftig! Wie genau können Eltern gegensteuern?
Eltern haben eine Vorbildfunktion: Idealerweise akzeptieren sie sich selbst – oder sind zumindest auf dem Weg dorthin. Ich habe jedoch grosse Empathie für Eltern, die weit weg von eigener Körperakzeptanz sind. Aber selbst wenn die Beziehung zum eigenen Körper nicht perfekt ist, vermittelt der liebevolle Umgang mit sich selbst eine wichtige Botschaft an die Kinder. Statt Diäten zu halten, gilt es, intuitives, genussvolles Essen und die Freude an der Bewegung zu fördern. Zudem können Eltern ihren Kindern emotionale Sicherheit bieten, indem sie ihnen Raum geben, ihre Gefühle frei auszudrücken. Das geschieht oft in alltäglichen Momenten, die Kinder dabei unterstützen, Vertrauen in sich selbst und ihre Umwelt zu entwickeln. So entsteht Schritt für Schritt ein stabiler Selbstwert – der Kindern wiederum dabei hilft, mit herausfordernden Einflüssen gut umzugehen. Gleichzeitig ist es entscheidend, dass wir Eltern die Bedürfnisse unserer Kinder respektieren.
Was meinen Sie damit?
Kinder sollten von klein auf lernen, Grenzen zu setzen und Nein sagen zu dürfen. Dahinter steht die Botschaft: «Du bist Experte, Expertin für deinen Körper !» – auch wenn von aussen Rückmeldungen kommen, wie «du solltest eigentlich so und so aussehen».
Wenn der Fünfjährige also nichts zu Mittag essen möchte, muss ich dies akzeptieren und seine Grenzen respektieren?
Ja, zum Beispiel. Eltern entscheiden zwar, was wann wo gegessen wird. Kinder aber dürfen entscheiden, wie viel und ob sie überhaupt etwas essen. Ich weiss, als Eltern ist man immer versucht zu sagen, «iss doch noch ein bisschen davon, das ist gesund». Tatsächlich aber ist dieses Verhalten kontraproduktiv : Kinder lernen so, die Signale ihres Körpers zu ignorieren.
Wie reagiere ich, wenn meine Tochter fragt: «Mama, bin ich dick?»
Im Idealfall fragt man sich als Mutter zunächst: «Wie fühle ich mich ? Wie denke ich über dicke Körper ?» Dies zu reflektieren, sich seiner eigenen Glaubenssätze bewusst zu sein, ist zentral, um auf die Unsicherheiten des Kindes eingehen zu können. Ein Kind mit einem grösseren Körper verdient dabei eine andere Antwort als ein Kind, das kein Mehrgewicht hat.
Inwiefern?
Ist mein Kind mehrgewichtig, kann ich als reflektierter Elternteil ein Gegenpol sein. Also nicht gleich antworten «Nein, du bist nicht dick», sondern nachhaken: «Was führt dazu, dass du das fragst?» Sagt das Kind: «Ich habe einen dickeren Bauch als meine Gspändlis», lässt sich antworten: «Ja, stimmt. Wie fühlst du dich damit?» Oder: «Wie fühlst du dich mit dem Wort ‹dick›?» Stellen Kinder solche Fragen, suchen sie oft eine Bestätigung, im Sinne von «Hey, Mami, Papi, ich habe einen dickeren Körper – ist das ok?» Deshalb ist es wichtig, dass wir auf ihre Unsicherheiten eingehen.
Und wenn mein Kind kein Mehrgewicht hat?
Dann ist es ebenfalls wichtig, zu erfahren: Warum denkt das Kind so? In diesem Fall haben wir es eher mit gestörter Selbstwahrnehmung zu tun. Ich habe schon oft erlebt, dass Kinder mit der Frage «Bin ich dick?» etwas ganz anderes ausdrücken wollten. Häufig fühlen sie sich einfach unsicher, ängstlich, nicht gesehen und nehmen ein Gefühl im Körper wahr, das sie nicht anders artikulieren können. Deshalb ist es als Eltern wichtig, der Ursache auf den Grund zu gehen.
Was, wenn ich als Mutter den Körperumfang meines Kindes insgeheim kritisch sehe?
Es ist völlig normal, sich als Eltern Gedanken zu machen über das Wohlbefinden seines Kindes. Ausserdem ist es schwierig, Körpermerkmale zu akzeptieren, die nicht in das gesellschaftliche Bild passen – vor allem, wenn man selbst in einer Diätkultur aufgewachsen ist. Kommen also angesichts einer kleinen Speckrolle des Nachwuchses negative Gefühle bei uns auf, gibt uns dies die Möglichkeit, eigene Vorurteile zu hinterfragen : Wir müssen uns unseren Ängsten stellen, diese aufarbeiten, damit wir sie nicht auf das Kind übertragen. Bemerken wir dann auch noch, dass wir uns als Familie etwas einseitig ernähren, wenig Familienmahlzeiten haben, oft auf Fertigprodukte zurückgreifen und wollen dies verändern – nicht, um eine Gewichtsabnahme zu erreichen, sondern um die Vielfalt zu erweitern –, ist das grossartig.
Sie waren in Ihren 20ern selbst von einer Essstörung betroffen. Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich heute gerne sagen?
Ich war ein sehr schlankes Kind. Doch im Vergleich zu meiner Schwester, die immer sehr schlank blieb, veränderte sich mein Körper im Teenageralter. Ich bekam mehr Rundungen, nahm zu – was viel kommentiert und verglichen wurde. Meinem jüngeren Ich würde ich heute gerne sagen, dass sich Körper eben verändern und zur Vielfalt gehören. Ich würde fragen: «Was macht dich glücklich?», «Wie möchtest du gesehen werden?»
Haben es Mädchen in dieser Hinsicht schwieriger als Jungen?
Ja, Mädchen sind stärker von einem negativen Körperbild betroffen. Das zeigt sich auch bei der Kleidung: Während Kleidung von Jungen dafür gemacht ist, sich zu bewegen, schränkt diese bei Mädchen eher ein. Im Teenageralter werden die Klamotten von Jungen eher grösser, alles ist im Baggystyle, während bei Mädchen alles noch enger, kürzer und knapper wird. Mädchen erhalten auch mehr explizite Botschaften, wie ihr Körper auszusehen hat. Leider holen Jungs in diesem Punkt auf. Körpergrösse und Muskeln spielen bei ihnen eine zunehmend wichtigere Rolle.
Die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach hat hochgerechnet, dass wir wöchentlich 2000 bis 5000 digital bearbeitete Bilder konsumieren. Dadurch verschiebt sich unsere Wahrnehmung, wir können nicht mehr unterscheiden zwischen Inszenierung und Realität. Wie lässt sich da noch gegensteuern?
Wir können unsere Kinder nicht von diesen Botschaften abschirmen. Das wäre auch nicht zielführend. Besser ist es, Kinder zu kritisch Denkenden zu erziehen. Sie müssen frühzeitig lernen, dass Medienbilder inszeniert und bearbeitet sind. Gemeinsam können wir Medien reflektieren und fragen: «Was lösen diese Bilder bei dir aus?», «Möchtest du das überhaupt sehen?», «Wer verdient Geld damit, wenn wir uns schlecht fühlen?» Ich habe auch schon erlebt, wie sich Abwertung und Hass auf sich selbst in solchen Diskussionen plötzlich nach aussen richten – wo sie hingehören.
In den sozialen Medien gibt es auch Entwicklungen, die Mut machen: Mehrgewichtige Menschen, die sich selbstbewusst zeigen beim Tanzen, beim Yoga und so eine Inspiration für andere sind.
Das stimmt. Überhaupt sprechen Jungen und Mädchen heute viel offener über Gefühle und mentale Gesundheit, das macht mir Hoffnung. Ich finde es auch wichtig, Vielfalt möglichst früh zu thematisieren – auch schon bei meinem drei Jahre alten Sohn. Am Strand lassen sich etwa gesammelte Muscheln nebeneinander aufreihen und dabei feststellen: Manche sind klein, manche gross, manche haben eine glatte Oberfläche, andere eine raue. Wir können auch Karotten vergleichen oder Äpfel und so merken: Jedes Produkt aus der Natur ist anders – wie bei uns Menschen.
Wir sollten sozusagen die Vielfalt im Alltag erkennen.
Genau, das können Kinder nicht oft genug hören, schon von klein auf. Kinder und Eltern können auch zusammen tanzen, den Körper durchschütteln und dabei beobachten : Welche Stellen bewegen sich am meisten ? Beim Mami sind das vielleicht Bauch, Oberschenkel und Po, weil dort am meisten Fett gespeichert ist. Dann lässt sich fragen: Wie ist das eigentlich bei Barbie ? Bei ihr bewegt sich nichts. Warum ? Weil Barbie keinen echten Körper hat.
Gleichzeitig möchten Eltern ihren Kindern gerne mitgeben, dass sie perfekt sind, so wie sie sind.
Ja, das verstehe ich. Noch wichtiger fände ich aber die Botschaft : «Du bist nicht perfekt, aber du wirst geliebt.» Wir Eltern wollen unsere Kinder ja auch stärken, wenn wir selbst ein schlechtes Körperbild haben oder eine schwierige Beziehung zum Essen. Hier lastet zum Teil viel Druck auf Eltern. Ich sage dann immer: «Du musst dich nicht komplett mit dir aussöhnen. Es reicht, wenn du dich auf den Weg machst. Du darfst Fehler machen und Unsicherheiten ansprechen.» Mein Sohn sieht mich zum Beispiel, wenn ich Lippenstift auftrage. Ich finde es legitim, als Eltern auszusprechen: «Ich bin zwar gegen diese Schönheitsideale, trotzdem habe ich sie verinnerlicht. Mit Lippenstift fühle ich mich an den meisten Tagen einfach wohler. Und das ist okay so.» Nur schon in diesen Austausch zu gehen, ist für Kinder unheimlich wichtig.
Jasmin Navarro Bühler, 39, ist Sozialpädagogin, Familienbegleiterin und Mutter eines dreijährigen Sohnes. Mit viel Herz und langjähriger Erfahrung begleitet sie Eltern und Fachpersonen in ihrer wichtigen Rolle, Kinder zu stärken. Die Bernerin bietet Kurse und Weiterbildungen an, die Wissen vermitteln und Raum für Austausch schaffen.