
Anita Alleman
Kinderlos
Frau, Single, kinderlos und trotzdem glücklich
Unsere Autorin hat keine Kinder. Für sie ist das völlig in Ordnung so. Für die Gesellschaft scheinbar nicht.
Guten Tag, darf ich mir kurz vorstellen: Ich bin Esther, ich bin 43 Jahre alt und ich habe keine Kinder. Bemitleiden müsst ihr mich deswegen bitte nicht. Auch gutgemeinte Ratschläge wie: «Mit etwas Unterstützung kannst du immer noch Mutter werden», möchte ich nicht hören. Mir geht es in meiner Kinderlosigkeit hervorragend. Ja, ihr habt richtig gelesen. Der Wunsch, Kinder zu bekommen, war in meinem Leben nie so richtig präsent. Es ist nie passiert und es hat sich nie ergeben.
Kaum schwanger, schon Kontaktabbruch
Mitte Dreissig gab es viele Frauen in meinem Umfeld, die schwanger wurden. Und es gab auch die eine Freundin, die, kaum hatte sie Kinder, den Kontakt zu mir abbrach und sich nur noch mit ihren Mütter-Freundinnen umgab. Theoretisch ist das verständlich, praktisch war das dennoch nicht leicht für mich. Ich mag deswegen Eltern oder Kinder nicht weniger und bin ein grosser Fan aller Kinder in meinem Umfeld. Ich habe 2021 auch eine Ausbildung zum Kinder- und Jugendcoach begonnen. Somit werde ich künftig trotz fehlender Erben viel von Kindern umgeben sein.
Zurück zur Frage, warum ich gerne kinderlos bin. Vielleicht weil ich a) meine Freiheit sehr hoch werte und schätze, b) sehe, dass das Mutter- oder Vatersein der härteste Job der Welt ist und c) weil ich mir nicht gerne Sorge mache. Ich bin Tante und habe mir oft ausgemalt, was meinem Neffen alles passieren könnte. Ich mag mir die Ängste nicht vorstellen, die man als Elternteil durchmachen muss. Und dann ist da noch Punkt d) das Geld. Was ich meine Eltern an Zahnspangen (hat sich gelohnt) bis Privatschulen (hat sich weniger gelohnt) gekostet habe? Hunderttausende von Franken! Vielleicht war es auch weniger, rechnen kann ich ja trotz den Ausbildungen immer noch nicht besonders gut. Vielleicht lässt sich alles mit Punkt e) zusammenfassen: mit dem Alter wird man entspannter und ich musste mein kinderloses «Schicksal» nie akzeptieren lernen oder mit mir ins Reine kommen, sondern es ist einfach, wie es ist. Nämlich sehr okay.
Meine Mama-Freundinnen beklagen sich zu Recht, dass sie seit der Geburt ihrer Kinder selten sogenannte «Me-Time» hätten, also Zeit für sich alleine. Ich als Hobby-Psychologin bin der Meinung, dass es wichtig für die Psycho-Hygiene ist, Zeit für sich zu haben. Als introvertierter Mensch hätte ich ungelogen meine Mühe, wenn in meinem Zuhause nonstop Menschen wären und ich keinen eigenen Rückzugsort für mich allein hätte.
Ein Drittel aller Frauen ist kinderlos
Und ich bin nicht die Einzige: Die Statistik des BAG aus dem Jahr 2018 besagt, dass rund 7 von 10 Frauen und 6 von 10 Männer im Alter von 25 bis 80 Jahren Eltern von einem oder mehreren Kindern sind. Ich gehöre zu den 30 Prozent Frauen in der Schweiz, die kinderlos sind. Das sind nicht wenige.
Ich will an dieser Stelle auch die Nachteile eines kinderfreien Lebens nicht verschweigen. Ich werde nie die Liebe meines eigenen Kindes erfahren. Andererseits weiss ich aber auch nicht, was ich verpasse. Und sowieso: Diese Liebe hole ich mir von meinem Neffen (bald 12) ab, der mir bei seinen Besuchen sagt, was ich für eine «grossartige Tante» sei und wie sehr er mich liebe. Ja, ich weiss, das ist immer noch nicht dasselbe, wie wenn ich es von einem eigenen Kind hören würde. Seine Komplimente machen mich deswegen aber nicht weniger glücklich.
Introvertiertheit hilft bei Kinderlosigkeit
Und dann wären da noch all diese Feiertage und Ferien, die ich alleine verbringen muss. Aber, hey, mehr Zeit für mich und mein Sofa. Hier hilft meine Introvertiertheit sicherlich. Kinder in die Welt zu setzen, nur damit ich an Feiertagen oder in 40 Jahren im Altersheim nicht alleine bin, ist ja auch keine Lösung und wenn, dann eine äusserst egoistische. Obwohl man mir auch Egoismus vorwerfen könnte, weil ich ja mein Geld, meine Wohnung und meine Freizeit selbst gestalten möchte.
Ich frage eine befreundete Mutter, ob und was sie bezüglich ihrem Muttersein bereut. Sie antwortet, dass sie durch ihre Kinder fremdgesteuert sei und sich erst an diesen neuen Tagesablauf gewöhnen musste. «Man funktioniert einfach nur noch». Auch die Sache mit Karriere, Teilzeit arbeiten und der Betreuung habe sie massiv unterschätzt. Ich finde es darum legetim, sich aus beruflichen Gründen gegen Kinder zu entscheiden.
Kinderfrei passt besser als kinderlos
Aber das Wort «kinderlos» gefällt mir nicht. Es klingt nach einem Mangel. «Kinderfrei», gefällt mir besser. Im angelsächsischen Raum ist man hier sprachlich einen Schritt voraus: Auf Instagram gibt es zig Accounts, die ein «childfree» Leben zelebrieren. Sowas wünsche ich mir. Dass dem Mitleid die Unbeschwertheit weicht. Dass sich Frauen, die keinen Nachwuchs möchten, sich einen Dreck drum scheren, was andere darüber denken und dies offen kundtun.
Aber Achtung, man sollte sich gut überlegen, ob man sein Gegenüber fragen will, warum es noch kinderlos ist. Die Frage kann sehr verletztend sein. Wenn die Kinderfreie aber von sich aus sagt, dass sie froh ist, keine Nachkommen zu haben, dann los, startet das Gespräch. Denkt aber daran, es muss nicht immer einen Grund geben, warum eine Frau nicht Mutter ist. Kinderlosigkeit ist kein Makel, sondern kann auch eine Entscheidung sein.