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Elternkolumne
«Mein Sohn bleibt ein Einzelkind - aus guten Gründen»
Ist ein Kind genug? Jein! sagt Maja Zivadinovic. Unsere Kolumnistin schiebt die Krise und schwankt zwischen dem Wunsch nach einem anständigen Lebensstandard und Symptomen von diffusem Herzschmerz.
Es gibt Dinge, die kamen für mich nie infrage. Ich wollte nie eine Katze haben. Ferien auf dem Zeltplatz haben mir auch nie etwas gesagt. Auch hatte ich nie das Bedürfnis, monatelang zu reisen, um meinen Horizont zu erweitern. Was ich aber stets am Allerwenigsten wollte, ist ein Einzelkind.
Mit 15 wusste ich bereits, wie meine mindestens zwei Kinder heissen werden. Ich hatte für jede Geschlechter-Kombination die passenden Namen. Ich sah alles ganz genau vor mir: Häuschen im Grünen. Fenster in der Küche. Davor die spielenden Kinder. Papa am Grill. Wunderbar. Als ich zehn Jahre später meinen 25. Geburtstag feiere, bin ich bereit: Bereit für meinen Lebensplan. Das Schicksal aber entscheidet anders: Statt mir einen Mann zum Heiraten und Kinder zu machen zu schicken, kreuzen jahrelang nur sogenannte «Mister Right Nows» meine Wege.
An meinem 39. Geburtstag, mein Herz ist mal wieder gebrochen, ein potenzieller Mann und Vater in weiter Ferne, heule ich mich ins 40. Lebensjahr. Langsam lasse ich den Gedanken der Kinderlosigkeit zu. Ein Zukunftsmodell, das mich tieftraurig macht. Ein paar Wochen später dann die Wende: An der Hausparty einer guten Freundin lerne ich den Mann kennen, mit dem ich zehn Monate später zusammenziehe. Kaum haben wir entschieden, welches Sofa es sein soll und wie wir das Ankleidezimmer einrichten wollen, fällt der Schwangerschaftstest positiv aus. Unser Sohn wird diesen Sommer zwei. Hier könnte dieser Text mit einem Happy End zu Ende sein.
Ist er aber nicht.
Besagter Bub nämlich wird ein Einzelkind bleiben. Was sich hier in einem einzigen Sätzli so einfach niederschreiben lässt, hat mir im echten Leben schlaflose Nächte beschert. Der Fakt, dass sich mein Freund und ich einig sind, dass wir kein zweites Kind wollen, ist hilfreich. Das Herz tut dennoch weh.
Ist es egoistisch, ein Einzelkind zu haben? Werden wir es «verziehen»? Und wie werden wir ihn auffangen, wenn er in das Alter kommt, in dem er sich ein Brüderchen oder ein Schwesterchen wünschen wird? Können wir es verantworten, dass er alle Entscheidungen rund um uns selber treffen muss, wenn wir alt sind? Ist es nicht einfach nur unglaublich fies, dass er keine Geschwister haben wird, mit denen er sich herrlich über uns aufregen kann? Denen er vertrauen kann, wenn die Eltern wieder mal maximal uncool sind?
Dürfen wir uns nur zu dritt überhaupt Familie nennen? Sind drei nicht ganz klar mindestens einer zu wenig? Und sollte ich nicht doch ein zweites Kind wollen, wenn mir Fragen dieser Art den Schlaf rauben? Oder geht es möglicherweise einfach darum zu akzeptieren, dass mein Lebensentwurf, wie ich ihn mir so schön ausgemalt habe, nicht aufgeht?
Die Sache mit dem Lebensstandard
Warum will ich denn überhaupt kein weiteres Kind? Die Antworten sind eigentlich simpel: Ich fühle mich zu alt. Ich habe keine Lust, unseren Lebensstandard zu verändern. Noch ein Kind bedeutet noch viel mehr Kosten. Wir müssten in eine günstigere Wohnung ziehen. So der Fakt, der an meinem Gewissen zehrt. Wohnung versus Kind? Ein absurder Vergleich! Und im Hinterkopf klopft mal wieder der Egoismus an. Noch ein Kind, da bin ich mir sicher, bedeutet so viel mehr Arbeit. Und so viel weniger Zeit. Zeit für das erste Kind, unsere Beziehung, Freunde und mich selbst. Zwei Kinder, so sagt mein Umfeld unisono, sind nicht mehr so einfach abzugeben. Vor allem aber bedeutet ein zweites Kind, wieder bei null anzufangen: Wickeln, Stillen, Bäbelen, schlaflose Nächte. Nein, das will ich alles nicht. Das will mein Freund alles auch nicht.
Dennoch packt mich neulich mal wieder die Krise, als wir abends in der Küche ein Glas Wein trinken. Manchmal fühlt es sich so an, als würde mich unser Sohn zu wenig flashen, damit ich Ja zu einem zweiten Kind sagen kann, offenbare ich. «Oder», sagt mein Freund, «unser Sohn flasht uns so sehr, dass wir gar nicht das Bedürfnis nach einem weiteren haben.» Das ist gut. Und wahr. Das nehme ich. Und freue mich über mein wundervolles Leben. Unser wundervolles Leben.
Über Umwege, die sie als Reiseleiterin in die Türkei und an den Empfang von «Tele Züri» führten, landete Maja Zivadinovic im Journalismus. Zusammen mit Yvonne Eisenring und Gülsha Adilji macht sie seit 2021 den SRF-Podcast Zivadiliring. Ihr Lieblingsjob ist aber ein anderer: Seit Juni 2020 ist sie Mami eines Buben.