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Gesundheit
Warum Kinder keine Vitaminpräparate brauchen
Nahrungsergänzungsmittel für Kinder sind gefragt wie nie. Eigenmächtig von Eltern gegeben, ohne ärztlichen Rat, schaden sie aber eher, als sie nützen.
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Nahrungsergänzungsmittel für Kinder sind gefragt wie nie. Eigenmächtig von Eltern gegeben, ohne ärztlichen Rat, schaden sie aber eher, als sie nützen.
Sie kommen ganz harmlos als lustige Weingummibärchen daher, als Schokolädchen, Bonbons oder Trinkbrause: Nahrungsergänzungsmittel für Kinder. Mittlerweile schluckt sie, laut Studien, jedes zehnte Kind. Gekauft werden die mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherten Heilsversprecher von den Eltern. Besonders häufig von engagierten, gebildeten, die nur das allerbeste für ihr Kind wollen. Denn wenn es sich gerade mit einer Erkältung herumplagt, Stress in der Schule hat, kein Gemüse mag oder ein bisschen blass um die Nase ist, dann können ein paar Zusatzvitamine doch nur gut sein, oder?
«Nein. Sie sind nicht gut.» Peter Jacobs, Dozent an der Berner Fachhochschule Gesundheit und Spezialist für Kinderernährung, ist da eindeutig. Sicherlich könne es sein, dass ein Arzt nach einer bestimmten Diagnose etwas verordnen müsse, aber bei einem gesunden Kind ohne ärztliche Beratung? «Ganz klar. Nein.» Im günstigsten Fall sind die teuren Zusatzpräparate unnötig und unnütz. Im schlimmsten Fall schädlich. Braucht doch ein Kinderkörper bestimmte Stoffe auch nur in entsprechend kleiner Menge.
Lautet die Empfehlung für Erwachsene etwa, man solle fünf Hände voll Obst und Gemüse täglich essen, so gilt das auch für Kinder: aber für ihre kleinen Hände. Ausserdem, so Jacobs, sei man längst davon abgekommen, dass alle Stoffe täglich ausgewogen gegessen werden müssten, gleiche sich das in rund einer Woche aus, sei es auch vollkommen okay. Mangelerscheinungen hat hierzulande kaum ein Kind. Für die herstellenden Firmen, die Apotheken und Drogerien sind die Nahrungsergänzungsmittel allerdings ein riesiges Geschäft. In Deutschland geben Eltern 30 Millionen Euro jährlich dafür aus. In der Schweiz wird allein mit den Vitamin & Co.-Präparaten für Kinder ein Umsatz von sieben Millionen erzielt. Kaum ein Apothekenfenster, das nicht damit wirbt. Dabei sehen die Zusätze lediglich harmlos aus.
Denn abgesehen davon, dass sie oft sehr viel Zucker enthalten, entsteht auch leicht ein «zu viel des Guten». Fettlösliche Vitamine wie etwa A, E und D werden bei einer Überdosierung nicht ausgeschieden, sondern reichern sich im Körper an. Es besteht die Gefahr einer sogenannten Hypervitaminose. Übelkeit, Kopfschmerzen oder Verdauungsstörungen können die Folge sein. Denn wenn auch auf den Verpackungen steht, dass etwa nur ein Gummibärli pro Tag gegessen werden darf, so verleiten wie Süssigkeiten aussehende Präparate doch dazu, wie Süssigkeiten gegessen zu werden. Schlimmstenfalls händeweise. Und dazu noch ein Multivitaminsaft, mit Vitaminen angereicherte Cornflakes… Hypervitaminose bei Kindern ist bislang wenig erforscht, bei Schwangeren zum Beispiel kann jedoch ein Übermass an Vitamin A zu einer Fehlbildung des Fötus führen… Harmlos ist anders.
Auch pädagogisch geht eine Gefahr von Vitaminbär und Co. aus. Die Kinder lernen, dass Pillen zu schlucken normal ist, bei Unwohlsein oder Herausforderungen der Griff zur Tablette scheinbar weiterhilft. Kein Verhalten, das ein Kind lernen sollte, findet Peter Jacobs.
Ohne ärztliche Empfehlung also Finger weg von den lecker aussehenden Zusatz-Dingern.