Junge Eltern
Pampers statt Partys

Dan Cermak
Jens Körner steht in Badehosen im Flur. Seine nassen, schwarzen Haare sind nach hinten gekämmt, bunte Tattoos zieren seinen nackten Oberkörper. Neben ihm schlummert der kleine Tim auf Nicoles ebenfalls bemaltem Arm. Zwei junge, attraktive Menschen, die auf das Cover eines Levis-Kataloges passen würden – und ein Baby; als hätte man eine junge Rockerbraut dabei erwischt, wie sie ihren Freund unerlaubterweise zum Babysitten eingeladen hat. Doch Nicole, 25, und Jens, 28, sind die Eltern des fünf Monate alten Tim.
Sie gehören zu einer aussterbenden Spezies, jener Vertreter der Generation Y, die sich Anfang oder Mitte 20 für ein Kind entscheiden. Die Anachronisten unter den Müttern und Vätern, wenn man so will. Denn was früher noch gang und gäbe war, ist heute eine Seltenheit: In Nicoles und Jens’ Freundeskreis hat sonst kaum jemand Kinder. Die Erlebnisgesellschaft hat anderes vor, als Windeln zu wechseln und Milch zu temperieren: Karriere und Konsum zum Beispiel, Partys, Pornos und Praktika. Aber Kinder? Das hat Zeit.
Gegen den Strom
Dabei wäre die Lebensphase günstig; biologisch gesehen ist eine Frau zwischen 20 und 29 Jahren im besten Alter: Die Chancen, innerhalb eines Jahres schwanger zu werden, liegen bei über 50 Prozent. Das Risiko einer Fehlbildung ist gering und die Mutter nach der Geburt schnell wieder bei Kräften.
«Ich hätte mir nie vorstellen können, erst mit 40 Mutter zu sein», sagt Nicole, «schon nur aus gesundheitlichen Gründen. » Sie habe schon immer früh Kinder haben wollen – «weil meine Eltern ebenfalls jung sind und mir vorlebten, wie toll das sein kann». Obwohl die Körner-Neufelds zuvor acht Jahre zusammen waren und die Grundsatzfrage Kinder ja/nein schon anfangs geklärt hatten, war nie eine Zeit ausgemacht, wann es so weit sein soll. Klar war nur: lieber früher als später. «Wir spürten einfach, als es soweit war, und dann hat es auch gleich geklappt.»

Gegen den Strom. So trendy die beiden als Mann und Frau aussehen, als Eltern liegen sie alles andere als im Trend. Dank medizinischen Fortschritten sind Kinder heute planbarer denn je. Und das wird von den Lebensmanagern, die wir heute sind, konsequent ausgenutzt. Wie die Schweizer Sozialgeografin Karin Schwiter kürzlich in ihrer Dissertation herausgefunden hat, sind junge Erwachsene zwar sehr kinderliebend, entscheiden sich aber nur für Nachwuchs, wenn alle anderen Umstände passen. Sprich: finanzielle Sicherheit, stabile Beziehung, Bereitschaft für einen neuen Lebensabschnitt. Die Befragten, zwischen 24- und 26-jährig, sehen Kinder also eher als Sahnehäubchen, als Luxusgut, das an die Randzeiten der biologischen Zeitmessung geschoben wird.
Kein Wunder ist heute praktisch nur von den Extremen die Rede: von Teenager-Schwangerschaften oder von Müttern weit über 40. Die italienische Sängerin Gianna Nannini brachte in diesem Jahr im Alter von 54 Jahren ihre erste Tochter zur Welt. Auch Stars wie Salma Hayek, Geena Davis oder Halle Berry bekommen Kinder nach 40.
War vor vier Jahrzehnten noch jede dritte Mutter zwischen 20 und 25 Jahre alt, ist es heute lediglich etwas mehr als jede zehnte. Das Durchschnittsalter der Mütter ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. 1980 betrug es noch 27,9 Jahre, (1990: 28,9; 2000: 29,8) 2009 belief es sich auf 31,2.
Luxusgut Kind
Die Anzahl Mütter zwischen 20 und 29 Jahren ist seit 1970 von rund 65’000 auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Genau das Gegenteil ist bei den Müttern zwischen 30 und 39 Jahren zu beobachten: Da verdoppelte sich die Zahl von rund 28’000 auf 47’000. Dasselbe Bild bei Müttern über 40: Gab es im Jahr 1970 lediglich 2649 Mütter, die die 40 bereits überschritten haben, waren es 2009 schon 4511.
Warum also überhaupt gegen den Strom schwimmen? Zumal die Vorzüge einer späten Schwangerschaft auf der Hand liegen: Die Ausbildung kann abgeschlossen, die Karriere verfolgt und Geld gespart werden, noch bevor die biologische Uhr Alarm geschlagen hat. Ausserdem kann man sich die Zeit nehmen, um sicherzugehen, dass man mit dem richtigen Partner zusammen ist.
Jugendliche Frische
Die Antwort von Nicole und Jens: Junge Mütter und Väter haben schlicht eine freundschaftlichere Beziehung zum Kind. «Unser Kind ist unkompliziert – und wir auch. Wir hoffen, dass Tim es eines Tages cool finden wird, junge Eltern zu haben.»
Damit sprechen die beiden vielen Twen-Müttern und -vätern aus dem Herzen. In jungen Jahren Eltern zu sein, sei einfacher und beschwerdefreier, so das allgemeine Credo. Man sei Anfang oder Mitte zwanzig einfach noch kompromissbereiter, flexibler und noch nicht so festgefahren wie mit 35 oder mehr.

Eine Aussage, die Experten stützen. Junge Eltern gelten auch unter Fachleuten als weniger ängstlich. Ausserdem wird ihnen ein sportlicher, pragmatischer Zugang zum Kind nachgesagt. Sie nehmen die biologischen Vorteile des jugendlichen Alters in die Elternschaft mit, sind vitaler und unternehmungslustiger, können sich mit vielen Situationen arrangieren und trauen ihren Kindern mehr zu. Sie bleiben in hitzigen Momenten eher cool, ganz nach dem Motto: «Es kommt schon alles gut.» Man kann das auch eine erfrischende Naivität nennen.
«Wenn ich 44 bin, sind die Kinder 18 und 20, also aus dem Gröbsten raus – das ist ein cooler Vorteil, der gern vergessen geht», ergänzt die 29-jährige Maura Rohner-Stocker den Plus-Katalog. Sie wurde mit 24 Mutter. Heute hat sie zwei Töchter (4 und 2). Die einstige Anwaltskauffrau betreibt einen Online- Shop für Kinderschuhe und arbeitet wie ihr Mann, 42, selbstständiger Grafiker, von zu Hause aus. «Ein Studium kam für mich nicht infrage», sagt sie, «eine Karriere war nicht zwingend, ich war relativ indifferent gegenüber meinem Job.» Auch wenn sie bloss ein halbes Jahr zusammen waren, sei es für beide klar gewesen, dass sie bald Kinder wollten. «Wieso warten, dachten wir uns.» Sie selbst habe ihre eigenen Eltern immer als «alt» wahrgenommen: «Ich wollte auch deshalb keinesfalls spät Mutter werden. Aber eine tiefer gehende Strategie dahinter gibt es nicht.»
Das liebe Geld
Dass das jugendliche Alter manchmal auch Nachteile mit sich bringt, will Maura Rohner-Stocker nicht unter den Tisch wischen. Ältere Eltern seien vielleicht weiser, dafür aber auch eher verkrampft, glaubt sie. «Hat meine Tochter einen Trotzanfall, bin ich schnell auf 180. Mit dem Alter wird man da hoffentlich gelassener. Andererseits renne ich nicht gleich ins Spital, wenn sie einmal hustet.»
Auch Verantwortung und Verzicht sind zwei Themen, mit denen sich junge Paare schwerer tun. Partys, Reisen, Ausschlafen – damit ist es vorerst vorbei. Und das in einem Alter, in dem Freunde und Bekannte ihre Freiheit in vollen Zügen geniessen. Wer weniger Lebenserfahrung hat, ist ausserdem schneller überfordert. Zudem sind auch die Paar-Beziehungen im jungen Alter tendenziell instabiler.
Der wohl grösste Nachteil aber ist: das Geld. «Der finanzielle Aspekt hält wahrscheinlich viele Junge davon ab, Eltern zu werden», glaubt Nicole Körner-Neufeld. «Wir selbst haben die finanzielle Sicherheit kaum bedacht, der Kinderwunsch war einfach grösser.» Darum können sie kaum auf Erspartes zurückgreifen; Nicole begann erst zu sparen, als sie schwanger war. Nach dem Mutterschaftsurlaub wird sie darum mindestens einen Tag pro Woche arbeiten müssen – «mal sehen, wie viel Geld dann übrig bleibt». Immerhin können sie auf die Unterstützung ihrer eigenen Eltern vertrauen. Ein Hauptgrund, warum ihnen der Entscheid für ein Kind a priori leichtfiel.
Dass mit einem Kind auch die berufliche Laufbahn vorläufig auf Eis liegt, sieht die junge Mutter hingegen pragmatisch: Sie habe sowieso nicht unbedingt Karriere machen wollen. «Wenn ich gewusst hätte, wohin genau ich beruflich will, wäre vielleicht alles anders gekommen. Aber ich könnte immer noch studieren oder mich weiterbilden, auch mit 35.» Jens, der als Flugzeugmechaniker arbeitet, wollte zwar ursprünglich noch die Technikerschule absolvieren. Doch nun geht das Kind vor. Beklagen können sich die beiden aber nicht: Sie haben das Privileg, in einer Villa in Kilchberg am Zürichsee zu wohnen, das einst Nicoles Grossvater gehörte. Nicoles Eltern bewohnen den unteren, die junge Generation den oberen Stock.
Der Rushhour ausweichen, die totale Überforderung auf der Suche nach Life-, Work- und Family-Balance verhindern und dabei auf die Hilfe der eigenen Eltern zählen können – ist es vielleicht gar wieder etwas «trendy», früher Kinder zu bekommen? «Nein», sagt François Höpflinger, Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich. «In der Schweiz sind frühe Schwangerschaften relativ selten, und auch dann kommen sie eher in spezifischen Gruppen vor», so der Experte in familien- und bevölkerungssoziologischen Fragen. Schwangerschaften vor dem 23. Altersjahr seien in den wenigsten Fällen geplant. «Eine familienfreundliche Situation begünstigt eine frühe Schwangerschaft.»
Aber natürlich spielten auch irrationale Gründe mit: «Schon nur die Tatsache, dass eine Kollegin schwanger geworden ist, kann eine Frau dazu bewegen, selbst schwanger zu werden», so der Soziologe. Auch traditionelle, religiöse Motive können für eine frühe Schwangerschaft sprechen. Junge Menschen suchen in einem Kind oft auch die Geborgenheit und Zuneigung, die sie selbst vermisst haben, wie Manuela Meyer-Mäder, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Verbandes der Mütterberaterinnen, ergänzt.
Wer ist glücklicher?
Was die Motive für den Kinderwunsch anbelangt, unterscheiden sich junge Eltern sonst aber kaum von den älteren. Generell gilt: Menschen mit tieferem Bildungsniveau bekommen eher früher Kinder. Gut Gebildete verfolgen stattdessen ihre Ausbildung weiter – laufen dafür aber Gefahr, den Zeitpunkt fürs Kinderkriegen zu verpassen.
Und wer ist glücklicher? Die Psychologinnen Berryman, Thorpe und Windridge behaupten in ihrem Buch «Mut zur späten Schwangerschaft»: Die Beziehung der Eltern zum Kind ist umso besser, die Zufriedenheit mit dem Elternsein umso grösser und der Grad des Wohlbefindens umso höher, je älter die Eltern sind.
François Höpflinger kann dies nicht bestätigen: Ob junge Eltern oder ältere – das hat keinen Einfluss auf die Entwicklung oder die Zufriedenheit des Kindes, so der Soziologe. Vielmehr kommt es auf die Stabilität der Beziehung an. Auch erwachse jungen Eltern kein Vorteil, weil sie «näher beim Kind sind»: «Eltern sind für die Kinder immer die Alten.» Hauptsache für das Kind sei, dass es eine verlässliche und vertrauensvolle Bindung habe, glaubt auch Mütterberaterin Manuela Meyer-Mäder. Die Vor- und Nachteile liegen demnach allein auf der Seite der Eltern.
Freiheit nachholen
Zum Beispiel bei Nicole Bauhofer-Sennrich, die «schon immer Kinder haben wollte». Die 27-Jährige hat schon von Berufs wegen mit Knirpsen zu tun: Sie ist Kindergärtnerin. «In meinem Job ist ja keine grosse Karriere möglich», sagt sie, «dafür fällt ein Wiedereinstieg leichter und auch Teilzeitarbeit ist gut möglich.» Also habe sie die Sache mit ihrem Freund («er war eher zurückhaltend ») besprochen und mit 22 die Pille abgesetzt. Auf die erste Tochter Melina folgte zwei Jahre später Xenia, und ein drittes Kind ist unterwegs. Ein finanzielles Polster hatten aber auch die Bauhofer-Sennrichs nicht. Nur dank der Unterstützung ihrer Eltern können sie sich ein Eigenheim leisten.
Vater Matthias (27) hatte sich zuvor, wie er sagt, keine grossen Gedanken über Kinder gemacht; er habe zuerst selbst «mit beiden Beinen im Leben stehen» wollen. Man habe aber «immer wieder mal» von Kindern gesprochen. Als dann die Entscheidung gefallen war, gab er sein Vorhaben, eine weiterführende Schule zum Wirtschaftsinformatiker zu machen, nicht auf. Auch wenn dies bedeutete, neben seiner 100-Prozent-Stelle zweimal pro Woche die Schulbank zu drücken. «Natürlich ist man mit Kindern ein Stück weit eingeschränkt», sagt er, «aber beruflich stehen bleiben muss man deswegen nicht.» Er hätte sich aber auch vorstellen können, Hausmann zu sein.

So aufgeschlossen sind nicht alle jungen Männer. Gemäss Elternberaterin Manuela Meyer-Mäder haben vor allem die jungen Väter Schwierigkeiten, sich mit der Verantwortung als Ernährer zurechtzufinden. «Dass ein junger Mann anfangs 20 sagt: ‹Ich will jetzt Vater werden›, das habe ich noch nie gehört.»
Und wie steht es um Matthias’ «verlorener Freiheit»? Er habe nie etwas Bestimmtem nachgetrauert, sagt er. «Die grosse Töffreise, von der ich noch immer träume, kann ich später auch noch machen.» Für die Kinder Kompromisse einzugehen oder auf etwas zu verzichten, hält er nicht für eine Alters-, sondern für eine Charakterfrage. «Wenn mich ein Kollege damit aufzieht, dass ich am Abend zu Hause bleiben muss, während er ausgehen kann, sage ich ihm: ‹Warte nur, wenn du dann mal deinem Kind den Schoppen geben musst, kurve ich bereits wieder irgendwo herum.›» Die Chancen stehen gut, dass er damit Recht behält.