
Schulzeit
Schulen wir Kinder zu früh ein?
Von Ann-Kathrin Schäfer
Mit knapp vier Jahren schon in den Kindergarten? Für viele Eltern fühlt sich das nicht richtig an. Aber ist es sinnvoll, das Kind zurückzustellen?
Paul war kaum vier Jahre alt, als er das erste Mal vor der Kindergartentür stand. Weil der Kanton Aargau den Stichtag für den Schuleintritt kürzlich von April auf Juli verschoben hatte, wurde Paul früher schulpflichtig. Noch vor wenigen Jahren wäre er mit seinem Geburtstag Ende Mai erst ein Jahr später eingeschult worden – mit fünf Jahren.
«Ist das nicht zu früh ? Sollte er nicht lieber noch ein Jahr zu Hause bleiben dürfen ?», fragten sich Pauls Eltern. Er kam ihnen jung vor, brauchte morgens noch viel Hilfe beim Anziehen. Andererseits ging er schon in die Kita und verhielt sich in der Gruppe altersgerecht. In seinem Wohnkanton Aargau wäre eine Rückstellung mit einem einfachen Schreiben der Eltern möglich. «Wir fanden es schwierig, uns schon im Februar zu entscheiden», erinnert sich Annina, Pauls Mutter und selbst Lehrerin. Denn im Februar meldet man in vielen Kantonen das Kind definitiv an oder ab für den Start im Sommer, sechs Monate später. «Bis dahin kann sich ein Kind noch so viel entwickeln», sagt Annina. Schliesslich gab ein Satz während einer Informationsveranstaltung der Schule den Ausschlag für Pauls Eltern: «Im Zweifelsfall schicken Sie das Kind. Wir schauen dann schon.»
Mehr Betreuung
Seit 2019 gilt in 20 Kantonen der einheitliche Stichtag vom 31. Juli. Zuvor variierte das Einschulungsdatum schweizweit. Etwa im Aargau und in Zürich wurde der Stichtag von April nach hinten verschoben, wodurch nun im Schnitt ein Viertel der Klassen ein Jahr jünger ist. Wie kommen Schulen und Kindergärten mit dieser Verjüngung zurecht ?
«Drei Monate klingen erst mal nicht nach viel, aber wir spüren die Auswirkungen deutlich», sagt Ursina Zindel, ehemalige Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich. Mit den jüngeren Kindern sei der Anteil derer, die noch unselbstständiger sind, gestiegen. «Sie sind emotional schneller überfordert und können weniger lang aufmerksam stillsitzen.» Heisst: mehr Hilfe beim Schuhe-Anziehen oder dem Gang aufs WC, heisst öfter trösten. «Das hat unser System mit einer Lehrperson pro Kindergartenklasse ins Wanken gebracht», sagt Zindel.
Vielerorts haben Kindergärten auf den erhöhten Betreuungsbedarf mit zusätzlichen Klassenassistenzen reagiert. Allerdings nicht überall. Denn diese müssen von den Gemeinden gutgeheissen und finanziert werden. Ausserdem handelt es sich dabei nicht um ausgebildete Pädagog:innen. Stand heute gibt es beispielsweise im Kanton Zürich offiziell nur eine ausgebildete Lehrperson auf rund 20 Kinder. «Das ist historisch gewachsen», erklärt Zindel. Erst ab den 2000er-Jahren wurde der Kindergarten in den meisten Kantonen obligatorisch und die Betreuungszeiten von zwei auf mehrere Stunden pro Vormittag erweitert. «Das System hinkt hinterher», warnt sie, «und muss sich der neuen Realität anpassen.»
Zwei Lehrpersonen nötig
Ursina Zindel fordert deshalb Teamteaching. Das heisst: jeden Tag zwei ausgebildete Kindergärtner:innen vor Ort. «So könnten wir dem Bedürfnis der jüngeren Kinder nach Aufmerksamkeit gerecht werden.»
Dagmar Rösler, die oberste Lehrerin der Schweiz, stimmt zu. Auch sie fordert ab der ersten Klasse durchgehend zwei Lehrpersonen in den Klassenzimmern. «Man könnte die Leistungsheterogenität einer Klasse so besser auffangen», sagt sie. «Die jüngeren Schüler:innen im Sozialen begleiten, die älteren fördern.»
Wie aber erkennen Eltern, ob der reguläre Einschulungstermin zum eigenen Kind passt ? Die Kantone geben Merkblätter heraus, die eine Orientierung darüber bieten, wann Kinder für die Einschulung bereit sind. Selbstständig das Znüni essen und sich für einige Stunden von den Eltern lösen können, «daran kann man sich beispielsweise orientieren», sagt Dagmar Rösler. Eltern sollten aber nicht meinen, dass ihr Kind schon am ersten Tag alles erfüllen müsse. «Kinder besuchen Kindergarten und Schule schliesslich, um etwas zu lernen und sich zu entwickeln.»
Spätere Einschulung in Bern und im Aargau
Trotzdem: Der verschobene Stichtag hat dazu geführt, dass Eltern ihre Kinder vermehrt ein Jahr zurückstellen lassen. Waren vor zehn Jahren 2 Prozent betroffen, sind es heute 10 Prozent. In manchen Kantonen fordert die Schule dafür ein ärztlich abgestütztes Gesuch, in anderen reicht ein Brief der Eltern. Je mehr Mitspracherecht die Eltern haben und je bildungsnäher sie sind, desto höher scheint die Rückstellquote zu sein. Studien, die besagen, dass Kinder, die in einem Jahrgang zu den älteren gehören, in ihrer Schullaufbahn im Schnitt erfolgreicher abschneiden, tun ihr Übriges. In Bern und dem Aargau werden ganze 14 Prozent der Kinder ein Jahr länger zu Hause behalten. Die Frage, die sich bei solch hohen Rückstellquoten unweigerlich stellt: Schulen wir unsere Kinder doch zu früh ein?
Riesige Entwicklungsunterschiede
«Das kann man so nicht sagen», antwortet Michael von Rhein, Entwicklungspädiater am Kinderspital Zürich. «Die Frage ist viel mehr, was die Kinder in der Schule erwartet.» Kinder seien im gleichen Alter unterschiedlich weit. «Manche sind mit knapp vier Jahren schon längst parat und üben Buchstaben und Zahlen. Andere tragen noch Windeln.» Vor diesem Dilemma stehe man eben, wenn man versuche, eine inhomogene Gruppe über einen Kamm zu scheren. Grundsätzlich hätten wir als Gesellschaft aber ein Interesse daran, betont er, Kinder frühzeitig fördern und auch betreuen zu lassen.

Michael von Rhein, Entwicklungspädiater
Ist man sich unsicher, ob das eigene Kind schulreif ist, sollte man sich nicht scheuen, das Gespräch mit der Lehrperson zu suchen, mit dem Schulpsychologischen Dienst oder der Kinderarztpraxis. «Die Entwicklung verläuft zwar in Schüben», sagt von Rhein, «aber bei den meisten Kindern zieht sich das durch, wenn eines unreifer ist als gleichaltrige.» Gehört solch ein Kind zusätzlich zu den jüngsten einer Klasse, empfiehlt der Experte, abzuwarten. «Denn es gibt sie, die Karrieren der Dauerüberforderung.»
Eine individuellere Betreuung in den Klassen würde die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt der Einschulung aber entschärfen, da ist von Rhein überzeugt. «Kinder haben unterschiedliche Bedürfnisse», sagt er. «Das eine möchte geistig gefordert werden, das andere sich austoben, das dritte Sozialverhalten mit anderen ausprobieren.» Vielerorts sei dieses Ziel der Individualität zwar im Lehrplan verankert. «Im Alltag begegnet mir trotzdem oft die veraltete Einstellung, dass Kinder im gleichen Alter auf die gleichen Normen passen müssen.» Er betont: «Kindliche Entwicklung heisst: Ich stehe an einem Ort und bin neugierig auf den nächsten Schritt. Das sollte man nicht erzwingen.»
Die Vorteile
Elisabeth Moser Opitz, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Zürich, weist darauf hin, dass eine Rückstellung gut überlegt sein will. «Ein Vorteil der frühen Einschulung ist, dass mit dem Kindergarten eine spezifische Förderung gewährleistet ist», sagt sie und führt das soziale Lernen, die Sprachund Zählspiele, aber auch die Begleitung durch die Pädagog:innen ins Feld. «Das ist besonders wichtig für Kinder, die zu Hause nicht die Unterrichtssprache sprechen, die Lernschwierigkeiten oder einen besonderen Förderbedarf haben.» Die Schulgesundheitsdienste der Stadt Zürich finden, eine sptere Einschulung sei selten im Interesse des Kindes: «In der Regel stellen sich die gewnschten Fortschritte in der kindlichen Entwicklung nicht von alleine ein, sondern erst durch gezielte Frderung», heisst es in einem Infoblatt. Zudem seien zurckgestellte Kinder lter, grsser und strker, was nicht selten zu sozialen und emotionalen Schwierigkeiten fhre. Ein Blick ins Ausland zeigt: Das eine Einschulungsalter gibt es nicht. In Schweden besuchen Kinder, die bis Jahresende sechs werden, für ein Jahr die Vorschule. In Frankreich starten schon Kinder, die bis 31. Dezember drei werden, in die Vorschule. Und in Deutschland kommen Kinder, die je nach Bundesland bis Juni oder September sechs werden, in die erste Klasse. Allein schon die Definition von Vorschule und Kindergarten variiert stark, weshalb ein direkter Vergleich schwierig ist.
Mehr Pausen für die Kleinen
Paul wirkte im ersten Kindergartenjahr müde auf seine Eltern. «Die Kindergartenlehrpersonen waren sich aber bewusst, wie jung er ist», erinnert sich Annina. «Sie gingen auf ihn ein.» Das freie Spielen im Garten tat ihm gut. Wurde es Paul zu turbulent, durfte er sich zurückziehen und den Chindsgi-Hund Molly streicheln. Im zweiten Jahr taute er auf, hinkte nach dem Eintritt in die Primarschule aber erneut hinterher. Der Knoten platzte in der zweiten Klasse, als er plötzlich Freude am Lesen entwickelte. Hausaufgaben machte er aber weiterhin nur ungern und nur mit Unterstützung.
«Wir hatten immer im Hinterkopf, ob die Einschulung nicht doch zu früh war», grübelt Annina über ihrer Kaffeetasse. Als die Eltern das Gespräch mit der Klassenlehrerin suchen, winkt diese ab. Sie erlebe Paul zwar als verträumt, aber fröhlich. Die Eltern wenden sich an die Kinderärztin, die eine Abklärung empfiehlt. Das Ergebnis: Paul hat ADS. Das heisst, es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren. «Pauls Probleme mit den Hausaufgaben, die Verträumtheit, die Langsamkeit im Paratmachen haben also gar nichts mit der frühen Einschulung zu tun», sagt Annina.
Auch ihr zweiter Sohn Beda ist kurz vor dem Stichtag geboren, im Juli. Auch er startete regulär in den Kindergarten kurz nach dem vierten Geburtstag. «Er ging gerne, fand im Chindsgi aber alles sehr streng», erzählt Annina. «Und auch wenn er in vielem selbstständig ist, braucht er noch viel Co-Regulation von uns Eltern.» Deshalb entschieden sie in Absprache mit der Kindergärtnerin, Beda in eine sogenannte Einschulungsklasse zu schicken. Das heisst, der Sechsjährige macht nun das erste Schuljahr in zweien.
Angebote wie die Einschulungsklasse in Bedas Schule sollen den Kindern einen flexibleren Einstieg in die Schulzeit ermöglichen. Je nach Kanton variieren diese Angebote. Im Kanton Luzern können Kinder, die mehr Zeit brauchen, erst im Februar in den Kindergarten eintreten. Und beispielsweise in Bern gibt es eine sogenannte Basisstufe, in der Kinder verschiedenen Alters ihren unterschiedlichen Stärken nachgehen und voneinander lernen sollen.
Noch offen ist, was passiert, wenn die Kinder später schon mit teils 14 Jahren aus der Schule austreten. Sind sie dann bereit für die Lehre? Wird sich die Schulpflicht um ein Jahr verlängern? Oder werden die drei Monate am Ende gar nicht mehr so entscheidend sein, wie in Dagmar Röslers Worten: Eine Welle, die vorüberzieht?
Ist mein Kind reif für den «Kindsgi»?
• Entwickelt sich das Kind altersgerecht in Sprache, Motorik, Sozialverhalten und Selbstständigkeit?
• Kann sich das Kind von den Eltern lösen, sich selbstständig anziehen und aufs WC gehen, sowie in einer Gruppe zurechtkommen?
• Ist das Kind perspektivisch fähig, den Kindergartenweg allein zu bewältigen?
• Bei Unsicherheiten sprechen Eltern am besten mit Fachpersonen wie Kinderärzt:innen oder Kita-Betreuer:innen.
Was hilft meinem Kind vor der Einschulung?
• Lasse dein Kind Selbstständigkeit üben, beim Anziehen, beim Essen, auf dem WC – ohne Druck auszuüben.
• Übe Trennungen in sicheren Umgebungen, mit Grosseltern, Kita, Babysitter:in.
• Trainiere gemeinsam mit dem Kind den Kindergartenweg.
• Nimm an Info-Veranstaltungen teil und tausche dich mit Fachleuten aus.
• Kinder müssen nicht alle Anforderungen sofort erfüllen; sie machen oft in kurzer Zeit Entwicklungssprünge.
Eure Einstellung als Eltern hat einen Einfluss auf euer Kind. Steht der Schule deshalb positiv gegenüber und traut eurem Kind einen gelungenen Start zu.