
Anne Gabriel-Jürgens
Reisen
Verflixt schön
Von Janine Radlingmayr
Pferde, Jurten, Schafsmilchglace – über der bündnerischen Alp Flix liegt ein Hauch von Mongolei. Kinder reiten hoch zu Ross, Eltern baden im geheizten Bottich. Bleiben wollen alle.
Begrüsst werden wir mit einem Stecken. Hündin Derra legt ihn uns vor die Füsse, schaut uns erwartungsvoll an und hüpft vor Freude auf drei Beinen. Das vierte, wie wir später erfahren, ist bereits seit ein paar Jahren gelähmt. Sie selbst ignoriert ihr Gebrechen. Wir nehmen uns ein Beispiel an der positiven Lebenseinstellung und beschliessen, den Wetterbericht für die kommenden Tage gelassen zu nehmen. Denn zugegeben, Ende Juni hatten wir uns das Wetter für unseren Wochenendausflug auf die Alp etwas sonniger erhofft. Eine Sorge, die sowieso nur Erwachsene haben können, die Kinder sind sofort rundum begeistert.
«Bäume» ist das erste Wort, das Hannes (2) beim Anblick oberhalb von Sur begeistert ausruft. Und Zoe (13) kommt spätestens beim Betreten der original mongolischen Jurten aus dem Wiederholen von «Oh – das ist megaschön» nicht mehr raus.
Schummerlicht
Es ist diese Weite des Hochplateaus, die mit Worten kaum zu fassen ist. Nicht enden wollende Wiesen voller bunter Blumen, gurgelnde Bäche, Erlenstauden an den Hängen, der Blick auf den Piz Platta, Bergseen in unmittelbarer Nähe: Die Alp Flix liegt auf über 2000 Metern Höhe oberhalb von Sur inmitten des grössten Naturparks der Schweiz – dem Parc Ela. Wo einst eiszeitliche Gletscher ein fein gegliedertes Relief mit Kuppen und Senken schufen, sammelte sich Wasser und Flach- sowie Hochmoore entstanden. Eine Moorlandschaft in dieser Höhe ist schweizweit einmalig. Und dieses Fleckchen Erde kennt noch ein Unikum – den Alp-Flix-Pächter Alfons Cotti. Der 49-jährige fünffache Vater hat schon immer in und oberhalb von Sur gelebt. Er stammt aus einer alteingesessenen Bauernfamilie. Den Hof auf der Alp hat er seit 1987 gepachtet, immer weiter ausgebaut, modernisiert. Der alte Kuhstall wurde zur Gaststube. 2005 tauschte Alfons das Tipi hinter dem Haus gegen eine beheizbare Jurte – zuerst für den Eigenbedarf. Doch nachdem immer mehr Wanderer darum baten, in dieser zu übernachten, machte Alfons dies möglich und stellte hier oben an der Vegetationsgrenze noch vier weitere Jurten dazu. Und trotzdem ist ihm wichtig: «Bei uns steht nicht der Gast im Mittelpunkt, sondern die Landwirtschaft mit den Tieren und Angestellten.» So wundert es kaum, dass man auch die Mahlzeiten gemeinsam an zwei langen Holztischen mit den Angestellten einnimmt – im Schummerlicht, da, wo früher Kühe standen. Das gibt uns ein ganz besonderes Gefühl von Zusammengehörigkeit und wir möchten am liebsten gleich mitanpacken.
233 Milchschafe, 110 Lämmer, 13 Böcke, Hühner, Schweine, die Hunde, Kaulquappen in einer riesigen Pfütze in der Nähe unserer Jurten – Hannes kommt aus dem Staunen nicht heraus. Mit offenem Mund beobachtet er alles ganz genau. Vor allem das Melken der Schafe am offenen Melkstand fasziniert ihn. Wie sie sich dort nach einem Tag weiter oben am Berg eines nach dem anderen aufreihen, an die Melkmaschinen anschliessen lassen und dann wieder im Rundlauf in den Stall zuckeln – dieses Ritual kann er sich nicht lange genug anschauen.
Zoe freut sich schon seit Wochen auf etwas anderes: Sie wird heute zum ersten Mal reiten. Seit zehn Jahren gibt es auf dem Hochplateau auch Pferde. 21 und fünf Ponys sind es. Alfons ist heute übrigens besonders wohl ums Herz. Seine Stute Sandrina hat ihr erstes Fohlen auf die Welt gebracht. Für Alfons ist es das dritte. Stolz streichelt er Sandrina über den Kopf, bevor er die Pferde für den Ausritt parat macht. Wir holen Lula, Ombra und Mora von der Weide. Zoe, noch etwas unsicher, führt Lula am Strick den kleinen Weg hinauf zum Haus. Dort angebunden, darf Zoe ihre Stute gleich selbst putzen. Dabei flüstert sie liebevoll: «Meine Kleine.» Was sich gleich wieder relativieren wird, wenn Lula gesattelt vor ihr steht – selbstverständlich wird auch der Sattel selbst geholt – und Zoe nicht genau weiss, wie sie nun auf das grosse Ross steigen soll. Alfons schmunzelt: «Greif einfach hierhin, stelle deinen Fuss in den Steigbügel und schwinge dich hinauf.» Oben strahlt Zoe wie ein Honigkuchenpferd. Nun schwingt sich Alfons auf Mora und sie reiten, als hätte Zoe niemals etwas anderes gemacht, langsam Richtung Seen.
Die Hochebene der Alp Flix ist der perfekte Ausgangspunkt für Reittouren aller Art – nicht nur für absolute Anfänger. Die Appaloosas, Araber, Pintos, Freiberger und Haflinger führen jeden Reiter durch die atemberaubende Landschaft. Kleine Gäste ab fünf Jahren können mit einem Pony auf die knapp zweistündige Trekkingtour gehen – Picknick inklusive. Und obwohl es das auf Zoes Tour nicht gab, wird sie später am Tag sagen: «Das Reiten war heute das Allerschönste.»

Anne Gabriel-Jürgens

Anne Gabriel-Jürgens

Anne Gabriel-Jürgens
Sauna im Fass
Die Pferde sind Alfons’ ganze Leidenschaft. Darum haben kürzlich seine jüngsten Kinder, die Zwillinge Manuel und Linhard (20), die Landwirtschaft auf der Alp übernommen. «In der Frühpension habe ich mehr Zeit für die Rösser», sagt er lachend.
«Mama, essen!», tönt es uns aus Hannes Kehle entgegen. Und er hat recht. Die Höhe macht nicht nur wahnsinnig zufrieden, sondern auch hungrig. Nachdem die Kinder den ganzen Tag hindurch bereits viel vom selbstgebackenen Kuchen der Alpwirtschaft genascht und Schoggi getrunken haben, machen sie sich beim Abendessen über ihre stattlichen Portionen her. Und – oh Wunder – Hannes isst zum ersten Mal in seinem Leben Salat. Ob das an der Qualität der zubereiteten Produkte liegt? Alles, was auf der Alp verzehrt wird, kommt auch von dort oder vom Hof des Bruders in Sur. Die Schafsmilch der Alp verwertet Alfons’ Exfrau Claudia in ihrer Käserei im Ort und produziert beispielsweise den Flixer Schafkäse. Klar, dass es somit auf der Alp auch nur Käse aus der eigenen Schafsmilch gibt. Selbst die Glace ist aus Schafsmilch – köstlich. Genauso wie die Alp-Wellness mit Sauna im Fass oder Hot- Pot. Es gibt wohl wenig Schöneres, als abends an einem zu kalten Junitag in über 2000 Metern Höhe im warmen Wasser zu liegen, den Kopf entspannt in den Nacken zu legen und das Gefühl zu haben, die Sterne greifen zu können. Ausser vielleicht das Naturerlebnis, in einer Jurte zu übernachten.
Das einzige Geräusch neben dem Wind, der die gut isolierte Jurte umweht, ist das Knacken des abbrennenden Holzes im Kamin. Der Schein des Feuers malt wundervolle Bilder an die Jurtenwand. Man fühlt sich weit weg vom Leben in der Stadt – was man faktisch ja auch ist – und fragt sich, ob irgendwo in der Mongolei gerade auch eine Mutter mit ihrem Sohn eng zusammengekuschelt den Tag Revue passieren lässt.
Am nächsten Tag wecken uns das Blöken und Schellengeläut der über 300 Schafe, für die es zum Grasen bereits wieder den Berg hinauf geht. Sobald wir die Jurtentür aufstossen, haben wir einen atemberaubenden Blick auf Piz d’Err, Tschima da Flix und Piz Calderas. Hannes zieht es sofort wieder auf die Wiese. Vom Bett der Jurte aus kann man ihn dabei beobachten, wie er durch die Blumen springt. Angst, dass er auf dem Hochplateau irgendwo abstürzt, braucht man keine zu haben. Nicht zuletzt deswegen ist die Alp Flix ein Paradies. Und so verwundert es nicht, dass Zoe bereits beim Frühstück fragt: «Können wir bitte einfach noch länger bleiben?»


Alp Flix
- Anreise mit dem Zug
Bis Chur, dann umsteigen nach Tiefencastel. Von dort aus fährt das Postauto 182 nach Sur. Von dort aus geht es mit dem Bus alpin oder dem Alpen Taxi auf die Alp Flix. In circa 2,5 Stunden kann man ab Sur auch auf die Alp wandern.
www.savognin.ch/alpflix
- Nah am Wasser
Auf dem Parc Ela Forscherparcours bei den Seen auf der Alp Flix können Kinder von 7 bis 12 Jahren die Artenvielfalt erkunden. Zum «Forscherkit» für 38 Franken gehören eine Becherlupe, ein Spinnenstaubsauger und vieles mehr. Ausserdem an den Seen: zwei Grillstellen.
www.parc-ela.ch/forscherparcours
- Alp Flix
Eine Übernachtung in einer Jurte für zwei Personen kostet 140 Franken. Da bis zu sechs Personen in einer Jurte schlafen können, wird nur noch die Zusatzmatratze berechnet: ab 10 Franken. Nachtessen: 28 Franken; Morgenessen: 18 Franken für Erwachsene. Kinder bis 6 Jahre essen kostenlos. Kinder von 6–12 Jahren zahlen die Hälfte.
www.agrotour.ch
- Gut zu wissen
Die Jurten haben keinen Strom – das Haus schon. Dort befinden sich die Waschräume und Toiletten. Von der Jurte zum Haus ist es ein Katzensprung. Trotzdem: Taschenlampe mitnehmen.

Anne Gabriel-Jürgens

Anne Gabriel-Jürgens

Anne Gabriel-Jürgens


