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Papacode
«Ich, der Erstatzspieler»
Unser Kolumnist Reto betrauert die guten, alten Zeiten, in denen er der bei seinen Söhnen als First-Level-Support bei Computerproblemen galt. Er wurde vom Edelhelfer zum Ersatzspieler degradiert. Aber: «Vielleicht ist meine neue Rolle gar nicht so schlecht?»
Sie werden so schnell gross. Kein Satz ist wahrer als dieser, wenn es um die eigenen Kinder geht. Ich hatte gehofft, dass wenigstens meine Rolle als First-Level-Support bei innerfamiliären Computerproblemen noch etwas länger Bestand hat, doch meine Jungs wollen ihre Selbstständigkeit nun auch im digitalen Raum ausbauen. Früher – Notiz an mich: Wer «früher» schreibt, wird alt – wurde ich herbeigerufen, wenn der Compi streikte oder der Bösewicht in Level 7 zu stark war. Ich genoss diese kurzen Momente meiner eigenen Unverzichtbarkeit, indem ich die Lösung aus dem Ärmel schü ... googelte und den fiktiven Endgegner mit flotten Knopfdrücken ins Jenseits beförderte. (Unter uns: Im dreizehnten Anlauf, frühestens.) Doch die Halbwertszeit väterlicher Tech-Autorität scheint vorbei. Ich wurde vom Edelhelfer zum Ersatzspieler degradiert. Und durch Google ersetzt.
Statt mich zu fragen, wie sie die Powerpoint-Präsi für ihren Vortrag gestalten, das nicht funktionierende Programm zum Laufen bringen oder in Level 9 vordringen, suchen sie selbstständig in der grossen Suchmaschine nach der richtigen Antwort. Zwar finde ich es ein bisschen schade, nicht mehr als Supporter, sondern hauptsächlich als Provider von Strom, Hardware und WLAN-Passwort zu wirken. Gleichzeitig freut es mich auch, dass sie zuerst selbst versuchen, die richtige Lösung zu finden. Und es ihnen tatsächlich meist gelingt – trotz dieser «Sche***-KI Übersicht bei Google», wie sie der drei Minuten jüngere Zwilling (zu Recht) nannte. Innerlich klopfe ich mir auf die Schulter, dass sie den Nutzen dieser KI-Zusammenfassungen oberhalb der «echten» Suchtreffer richtigerweise beim Gefrierpunkt ansiedeln. Meine Söhne (und ich) haben das Urteil längst gefällt: Die KI von Google ist keine grosse Hilfe und steht meist nur im Weg. (Etwa so wie ich den beiden auf dem Fussballplatz.)
Das Wichtigste gelernt
Trotzdem bleibt künstliche Intelligenz ein Problem: Sie prägt, wie Kinder lernen und nach Informationen suchen. Dies passiert nämlich in einer Zeit, in der Big Tech uns allen das Suchen (und ein bisschen das Denken) abnehmen will. Google, ChatGPT und Co. investieren Milliarden, um uns mit KI-Zusammenfassungen das Klicken, Scrollen und selbstständige Abwägen zu ersparen. Eine gut gemeinte Bevormundung, die genau jene Fähigkeit untergräbt, die meine Jungs sich gerade aneignen sollten: Quellen vergleichen, Plausibilität prüfen, die richtige Information von falscher oder veralteter unterscheiden. Algorithmen, die uns das Denken erleichtern wollen, machen es am Ende schwieriger, kritisch zu denken.
Vielleicht ist meine neue Rolle als Provider von Infrastruktur und WLAN-Passwort am Ende gar nicht so schlecht. Ich bin nicht mehr der, der die Lösung liefert, sondern der, der den Rahmen schafft, in dem sie ihre eigenen Lösungen f inden können. Und der ihnen – hoffentlich – beigebracht hat, nicht jeder Technologie blind zu vertrauen, nur weil sie neu ist oder von einem Tech-Giganten kommt. Selbst wenn ich in Level 10 nicht mehr gebraucht werde: Die wichtigere Lektion haben sie offenbar mitbekommen. Und auch wenn ein bisschen Wehmut bleibt, wer weiss: Vielleicht fällt ja mal das WLAN aus. Dann schlägt meine Stunde! Dann werden sie merken, dass man DIESE Lösung nicht googeln kann, wenn man kein Internet hat ! Und ich werde bereitstehen. Mit dem Admin-Passwort im Kopf und einem wissenden Lächeln auf den Lippen.
