
Esther Michel
Burnout
«Ich fühlte mich als Versagerin»
Sie kam mit der Geburt ihres ersten Kindes selbst auf die Welt. Statt Freude empfand Denise im Wochenbett vor allem Einsamkeit, Überforderung und Erschöpfung.
Esther Michel
Burnout
Von Julia Panknin
Sie kam mit der Geburt ihres ersten Kindes selbst auf die Welt. Statt Freude empfand Denise im Wochenbett vor allem Einsamkeit, Überforderung und Erschöpfung.
« Als ich schwanger wurde, hatte ich noch ein romantisches Bild im Kopf von mir und diesem Kind, uns als herzige Familie. In Wahrheit fühlte es sich dann aber an, als würde ich einen Marathon nach dem anderen laufen. Keine Pausen, kein Aufatmen. Ich habe mich oft gefragt, wieso mir vorher niemand gesagt hat, wie anstrengend das alles ist. Als gäbe es ein stilles Agreement, dass Mütter nicht darüber reden dürfen, um andere nicht abzuschrecken. Dabei wäre es so wichtig zu wissen, was auf einen zukommt.
Immer etwas falsch
Mein Mann ist zwar ein wunderbarer und präsenter Papa und Partner. Aber er konnte nach der Geburt nur drei Tage freinehmen. Exakt so lange dauerte meine erste Geburt – danach musste er wieder Vollzeit arbeiten gehen. Ich war einsam und überfordert. Und dann waren da ständig irgendwelche Menschen, die mir ungebetene Ratschläge erteilten. Das hat den Druck nur verschlimmert. Denn egal, wie ich es gemacht habe, irgendjemand fand immer, ich mache es falsch. Ich habe mich gefühlt wie eine Lehrtochter ohne Lehrmeister:in und mein schreiendes Kind fühlte sich an wie der lebende Beweis für mein Versagen. Noch während der Wochenbettphase habe ich deshalb innerlich aufgegeben und nur noch funktioniert. Ich empfand keinerlei Freude mehr am Muttersein und dachte nicht selten, dass Sterben einfacher wäre, als diese Tortur noch länger auszuhalten. Erst als ich mich meinem Arzt anvertraute, wurde mir klar, dass ich keine schlechte Mutter bin, sondern in einer Depression stecke und Hilfe brauche.
Mütter sollen alleine funktionieren
Später habe ich dann begriffen, dass Frauen sechs Wochen nach Geburt durchs System fallen. Also dann, wenn die Schwangerschaft laut Krankenkasse offiziell abgeschlossen ist. Ab da gibt es keine bezahlte Unterstützung mehr und du sollst wieder funktionieren, obwohl die Hormone sich dann erst anfangen zu normalisieren und der Schlafmangel oft dann erst so richtig reinkickt. Unser Umgang mit dem Mutterwerden ist im Allgemeinen, ganz besonders aber in der Arbeitswelt, nicht gesund, finde ich. Während schwangere Frauen durch massive körperliche und psychische Veränderungen gehen, wird von ihnen erwartet, dass sie einfach weiter funktionieren. Die Tatsache, dass werdende Mütter in der Schweiz arbeiten müssen, bis die Wehen einsetzen, ist der beste Beweis dafür. Das Einzige, was vorher alle wahrnehmen, ist, dass du einen dicken Bauch bekommst, aber du baust gerade einen neuen Menschen!
Deshalb habe ich mich vor zwei Jahren als Wochenbett-Doula selbstständig gemacht und die Doula-Ausbildung ‹Womb Expansion› mitentwickelt. Ich bin überzeugt, dass wir Mütter vor psychischen Erkrankungen schützen können, wenn sie sich in dieser vulnerablen und anstrengenden Zeit gesehen, verstanden und gehalten fühlen. ‹Mothering the mother› heisst das Konzept und ich weiss, dass es abgedroschen klingt, aber für mich ist ganz klar: Nur wenn es der Mama gut geht, kann es auch allen anderen, insbesondere den Kindern, gut gehen.»
→ mamahanna.ch