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Geburtshaus
Geborgen gebären
Von Manuela von Ah
Was bedeutet es, in einem Geburtshaus zu gebären? Ein Besuch im Delphys in Zürich zeigt, wie Natürlichkeit und Sicherheit zusammenspielen.
Setze ich mich ins Kino meiner Erinnerungen, flimmert der Film der Geburt unseres zweiten Kindes im Geburtshaus am inneren Auge vorbei. Lebendig, schmerzhaft, glücklich.
Die Wehen setzten in der Nacht ein, am frühen Morgen brachte uns ein Taxi ins Delphys in Zürich. Ich kannte das Haus bereits vom Geburtsvorbereitungskurs und den Vorgesprächen. Ich wusste, in diesem Geburtshaus fühle ich mich aufgehoben. Gut begleitet für den Marathon einer Geburt. Denn jede Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat, weiss: Ein Frühlingsspaziergang am lauen Lüftchen ist das Gebären nicht. Auch im Geburtshaus nicht. Eine Geburt ist eine körperliche Grenzerfahrung. Eine Urkraft, die das Kind ins Licht schiebt und gleichzeitig in uns zerrt und reisst, dass wir meinen, vor Schmerz zu sterben. Ich spürte diese Urgewalt mit jeder Wehe. In der Wanne japste ich – als nicht religiöser Mensch – bei jeder Wehenwelle ein «Ogottogottogott». Danach fiel ich über dem Schwimmkissen hängend zwischen den Kontraktionen in einen Mikroschlaf. Um gleich von der nächsten Wehe geweckt zu werden. Ich war unsagbar dankbar für die Anwesenheit meines Mannes – aber bei seinem Versuch, mir den Rücken zu massieren, jagte ich ihn fluchend fort. Denn im Vergleich zur punktgenauen Berührung der Hebamme schien seine Massage wie ein unbeholfenes Stochern über meinem Gesäss. Umso ungebremster rannen die Tränen bei beiden, als das Kind, ein Junge, nach den Presswehen endlich ins Wasser flutschte. Für die warme Atmosphäre sorgten die ganze Zeit über die beiden Hebammen.
Gegen Abend hüllten wir unser Baby warm ein und fuhren mit dem Taxi die sieben Minuten zurück in unser Zuhause. Wochenbettzimmer gab es damals noch nicht in Geburtshäusern.
Von der Erinnerung in die Realität
Raus aus dem Kopfkino, zurück ins Delphys, wie es heute ist. Vor zehn Jahren zog das Geburtshaus in grössere Räumlichkeiten an der Kalkbreite in Zürich. Eingebettet in eine urbane Überbauung, mit Blick auf die Hochhäuser des Locherguts, erstreckt es sich nun über drei Etagen. Zwei Gebärzimmer, fünf Wochenbettzimmer, Wohn- und Essbereich, Küche, Kurs-, Beratungs- und Therapieräume – alles behaglich eingerichtet mit restaurierten Vintagemöbeln aus dem Brockenhaus und modernstem Equipment.
Lucia Martin, 34, arbeitet seit sechs Jahren hier und ist eine von 18 Hebammen. Jetzt sitzt die sympathische junge Frau an einem Holztisch im Besprechungsraum und erklärt, was eine Geburt in einem Geburtshaus wie das Delphys von einer Spitalgeburt unterscheidet. «Wir betrachten den Weg vom Kinderwunsch über Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit als fliessenden Prozess», erklärt Lucia. Dabei fokussiere man auf das Stärken der Ressourcen und das Wohlbefinden der ganzen Familie. Der Einbezug der Partner:innen und älterer Geschwister ist selbstverständlich.
Das Herzstück des Geburtshaus-Konzeptes ist die 1:1-Betreuung. Die zuständige Hebamme begleitet ein Paar, eine Familie oder eine allein gebärende Frau in einer 12-Stunden-Schicht. Und bringt etwas vom Wertvollsten mit: Zeit. Sie richtet sich nach den Bedürfnissen der Familie, nimmt Anteil, begleitet mit fundiertem Wissen und Präsenz. Mit Interventionen hält man sich zurück. «Wir vertrauen auf das Wissen, das tief im Körper jeder Frau angelegt ist, den Geburtsverlauf eigenverantwortlich und aktiv zu gestalten», heisst es im Leitbild des Delphys.
Auch Lucia spiegelt dieses Urvertrauen wider, wenn sie sagt: «Wir gehen immer vom Gesunden aus.» Das bedeutet, dass weder die Gebärende noch der Partner oder die Partnerin zu etwas gedrängt werden. «Wir kommunizieren anders als im Spital – wir empfehlen eine Massnahme, aber wir ordnen sie nicht an.» Dabei wird die Schulmedizin keineswegs ausgeklammert, sondern mit alternativmedizinischem Wissen ergänzt. Nach der Geburt etwa stehen in Geburtshäusern, genau wie im Spital, Stoffwechselscreening, Hörtest, das Messen der Sauerstoffsättigung oder die Vitamin-K-Prophylaxe zur Verfügung. Wenn gewünscht. «Aber nicht als Programm, sondern als Empfehlung», sagt Lucia.

Für wen eignet sich die Geburt im Geburtshaus?
Ich wusste damals sofort: Mein zweites Kind soll – wie das erste – nicht in einem Spital zur Welt kommen. Da die Wände unseres neuen Zuhauses aber zu ringhörig waren und ich keine Lust darauf hatte, meine Nachbarn akustisch beim Gebären teilhaben zu lassen, fiel meine Wahl auf das Geburtshaus.
Doch für wen ist das Gebären im Geburtshaus die richtige Wahl? Lucia überlegt kurz: «Wichtig sind eine positive innere Haltung und ein gutes Körpergefühl.» Mit anderen Worten: Eine Geburt im Geburtshaus eignet sich für gesunde Frauen, die ein gesundes Kind erwarten und eine Geburt als einen natürlichen Vorgang betrachten. Die es sich zutrauen, den anstrengenden Ausdauerlauf in einem geschützten Rahmen, aber mehrheitlich eigenständig zu meistern. Für all jene, die auf unnötige Eingriffe verzichten möchten und im Gegenzug einen Teil der Verantwortung übernehmen wollen.
Dennoch genügen Wunsch und Wille allein nicht – es gibt auch klare medizinische Grenzen. So muss das Kind um den errechneten Termin herum zur Welt kommen – frühestens drei Wochen vor und spätestens zwei Wochen nach diesem Tag. Auch bestimmte gesundheitliche Faktoren schliessen das Gebären im Geburtshaus aus: insulinpflichtiger Diabetes, hoher Blutdruck oder Blutgerinnungsstörungen. Ebenso stellen Zwillingsgeburten, Steisslagen oder ein vorangegangener Kaiserschnitt Hindernisse dar. Besonders Letzteres bedauert Lucia sehr: «Obwohl vier von fünf vaginalen Geburten nach einem Kaiserschnitt gut verlaufen, verwehrt die Gesundheitsdirektion seit einigen Jahren diese Leistung.» Wohingegen in immer mehr Spitälern eine Geburt nach einer Sectio unterstützt wird.
Und immer mehr Spitäler bieten hebammengeleitete Geburten an. Ein bisschen irreführend, findet Lucia. «Denn diese sind aktuell noch unter ärztlicher Leitung, obwohl das so im Namen nicht ersichtlich ist.» Wirklich hebammengeleitet, wie die Midwifery Unit Network (MUNet) aus Grossbritannien vorgeben, sind die Geburten in den Schweizer Spitälern nicht. Wohl aber in den eigenständigen Geburtshäusern.
Leitbild Geburtshaus Delphys
Sicherheit: Geburtshaus vs. Spital
In der Schweiz kommen nur rund zwei Prozent der Kinder in Geburtshäusern zur Welt. Abgesehen von einer Handvoll Geburten im eigenen Zuhause, gebären hierzulande die meisten Mütter im Spital. «Das löst in der Bevölkerung automatisch ein gewisses Unbehagen gegenüber Geburtshäusern aus», sagt Lucia. Wenn auch unbegründet. Denn internationale Studien belegen, dass eine Geburt im Geburtshaus für gesunde Schwangere sogar sicherer ist, auch beim ersten Kind. Die umfassendste Studie mit 60 000 Schwangeren in England ergab schon 2011, dass sich das Risiko für Geburtsschäden der Babys im Spital und im Geburtshaus zwar nicht unterscheidet. Aber in Spitälern treten weitaus häufiger Infektionen auf. Zudem wird dort öfter in den Geburtsverlauf eingegriffen und es werden Routine-Untersuchungen durchgeführt, die nicht zwingend nötig sind.
Was, wenn trotzdem einmal etwas schiefläuft? «Für alle möglichen Komplikationen existieren präzise, rechtlich abgesicherte und über Jahre bewährte Reglemente», erklärt Lucia. Regelmässige Notfalltrainings sind selbstverständlich und kritische Fälle werden im Team besprochen. Über die internationale Plattform Critical Incident Reporting System (CIRS) tauschen sich Geburtshäuser untereinander aus und lernen voneinander.
Ein entscheidender Vorteil im Vergleich zum Spital bleibt bei Komplikationen die 1:1-Betreuung, da die Hebamme jede Veränderung sofort wahrnehmen und entsprechend reagieren kann. Und nicht vergessen: In einem Geburtshaus arbeitende Hebammen haben exakt die gleiche Grundausbildung wie eine Hebamme im Spital. Fortlaufende Weiterbildungen und die Orientierung an neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gehören selbstverständlich dazu.
Ob ich wieder im Geburtshaus gebären würde? Sicher! Diesmal würde ich zudem nicht direkt nach der Geburt mit Baby und Tasche heimkehren, sondern das Wochenbett in einem der liebevoll eingerichteten Zimmer im Delphys verbringen.
In der Schweiz gibt es 23 Geburtshäuser, gelistet bei der Interessengemeinschaft IGGH unter
→ geburtshaus.ch. Hier findet man auch die Geschichte der Geburtshäuser und sämtliche Kontaktdaten. Geburtshaus Delphys: