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Meinungen
Pünktlich: Sein oder nicht sein?
Unsere Autorin Caren hasst es auf den Tod, wenn Menschen unpünktlich sind. Für Autorin Anita ist die Zeit des Wartens geschenkte Lebenszeit.
Dafür
Ich drehe ungern Däumchen. Nicht rechts herum. Und auch nicht links herum. Mit anderen Worten: Ich bin in meinem Leben meist beschäftigt: mit Arbeiten, Lesen, zu grell gewordene Haarfarbe zum fünften Mal auwaschen, vor Netflix abhängen. All das braucht Zeit. Kostbare Zeit. Und deshalb kann ich es auf den Tod nicht ausstehen, wenn Menschen unpünktlich sind und grosse Mengen MEINER Zeit verplempern, indem sie mich warten lassen. Quälende Minuten meines Daseins habe ich schon im Mantel – und sehr stark schwitzend – im Wohnzimmer herumgestanden, weil irgendein unpünktlicher Mensch mich um 19.30 Uhr abholen wollte, aber um 19.40 Uhr noch immer keine Spur von ihm zu sehen war.
Ich habe in Bars schon Getränkekarten auswendig gelernt und die Hälfte des darauf Angepriesenen gleich aus Langeweile probiert, während ich auf meine 45 Minuten verspätete Begleitung wartete. Und eigentlich, das muss ich hier mal gestehen, war meine Laune dann meist derart abgesunken und die Promillezahl derart angestiegen, da hätte sie auch ganz wegbleiben können. Gesagt habe ich das natürlich nicht. Denn Unpünktliche halten Pünktliche für Spiesser. Für Klemmis. Pedanten. Wer will das schon sein? Dabei ist das ein grosser Irrtum. Das weiss ich von meiner Grossmutter. Die wurde als Kind jedes Mal ohnmächtig, wenn sie auch nur Gefahr lief, nicht zur rechten Zeit am rechten Ort sein zu können. Okay, das ist verrückt. Aber diesen Satz meiner Oma finde ich trotzdem richtig – weshalb ich ihn auch mit Erfolg (!) meiner Tochter eingetrichtert habe: «Es ist sehr unhöflich, seine eigene Zeit über die Zeit eines anderen zu stellen.» Und das nächste Mal, zack, zitiere ich das vor meinen zu spät kommenden Gästen, die jetzt zu Matsch zerkochtes Essen essen müssen. Oder – ich fall einfach in Ohnmacht.
Caren Battaglia
hegt den Verdacht, dass Zuspätkommer ihren Auftritt geniessen, wenn sie dann endlich mal eintrudeln. Vielleicht ist es ja toll, so herbeigesehnt zu werden. Aber: weiss mans?
Dagegen
Wir leben in einer Gesellschaft des Individualismus. Kein Druck, entscheide frei, entfalte dich, sind Credos. Aber gehts um Pünktlichkeit, dann ist Schluss mit Freigeist! Dann wirds todernst. Selbst unter Freunden wird – sorry für den Ausdruck – ein Riesengeschiss gemacht. Aber jetzt mal ehrlich: Ich finde, es ist nicht mein Problem, dass du es persönlich nimmst, dass ich nicht auf Punkt aufkreuze. Zweifelst du deswegen echt an deinem Wert? An unserer Freundschaft? Ich schätze, dass da andere Baustellen sind, die du beackern könntest. Nutze doch dafür die Zeit des Wartens, bis ich da bin. Doch. Ich respektiere deine Zeit. Auch, dass sie dir wichtig ist. Aber das ist mir meine auch. Und 20 Minuten frei zu gestalten, ist nicht schwer. Ich habe eine Menge Tipps für leere, tote Zeiten: Sinniere über den Tag, lese in einem Buch, lehne dich zurück, Beine hoch, und geniesse die Sonne, das Nichtstun, den Müssiggang! Lächle! Ich schenke dir Zeit, die du sonst nicht hättest! Sag Danke! Ich bin ja jetzt da!
Ich vermute, dass es sich bei dieser Pedanterie um etwas urschweizerisch Spiessiges handelt und mein Unbehagen damit meinen bikulturellen Genen zu verdanken ist. Doch es greift weiter: «In monochromen Gesellschaften wie unter anderen in Mittel- und Nordeuropa ist Unpünktlichkeit negativ konnotiert und unerwünscht», sagt Chat GPT. Aber: «In Süd- und Osteuropa besteht die Tendenz zur Polychronie, der verabredete Zeitpunkt darf um eine halbe bis eine Stunde überschritten werden.» Voilà. Ich mag das Zeitlose, mag es, zu warten, mir vorzustellen, dass da jemand auf dem Weg ist zu mir. Unhöflich sind für mich die Leute, die zu früh auf der Schwelle stehen und sich sattsehen am Desaster des Endspurts. Sowas raubt mir den Verstand. Und wertvolle Lebenszeit.
Anita Zulauf
findet, dass Pünktlichkeit im privaten Bereich komplett überbewertet wird. Abmachungen und Einladungen werden bei ihr schon lange nicht mehr auf Punkt terminiert.