
Anita Allemann
Erziehung
Zuhören ist eine Kunst
Gutes Zuhören ist das A und O: in der Partnerschaft, bei der Erziehung, in der Schule, im Job. Und doch - können es wenige. Dabei würde es sich sowas von lohnen, an dieser Fähigkeit zu feilen.
Der häufigste Satz in Beziehungen ist: «Ich liebe dich». Der zweithäufigste Satz lautet: «Nie hörst du mir zu.» Das sagen zumindest Paartherapeuten. Ob das nur eine nette Insider-Anekdote ist oder tatsächlich statistisch erhärtbar, sei dahingestellt. Fakt jedoch ist: Dass wir einander wirklich zuhören, ist selten – und ein Problem. Nicht nur in Liebesbeziehungen. Wer kennt nicht diesen Kollegen, der bei jeder Unterhaltung lediglich auf sein Stichwort wartet, um die eigene, noch krassere Pointe zum Besten zu geben? Die Chefin, die einem ins Wort fällt, den Partner, der beim gemeinsamen Nachtessen aufs Handy schielt, oder das eigene Seufzen, wenn das Kind zum dritten Mal unter wildem Gekicher den Witz erzählt: «Was lebt unter der Erde und stinkt ? Eine Furzel.»
Wir alle hören schlecht zu. Dennoch halten sich, sagen Studien, 96 Prozent von uns für gute Zuhörer:innen. Was aber leider, wie eigene Erfahrung und Wissenschaft lehren, nichts anderes ist als eine Folge des sogenannten Overconfidence-Effekts, jener Tendenz, sich selbst hoffnungslos zu überschätzen. Viel treffender dagegen charakterisiert Kate Murphys Buchtitel «Immer auf Sendung ... nie auf Empfang» unsere Zeit. Nicht zuhören, um zu verstehen, sondern um zu antworten. Und das möglichst schnell. Binnen 1,5 Sekunden genaugenommen. Denn dauert eine Gesprächspause länger – fand der Soziologe Ervin Goffman heraus –, empfindet der moderne Mensch sie als quälend. Bloss jetzt schnell was raushauen, sonst hält einen das Gegenüber womöglich für fade. Etwas sagen. Irgendwas. «Tja», «ähm», «also dann» oder was übers Wetter. Ohrenbetäubende Stille halten wir nicht aus.

Margarete Imhof, Professorin für Psychologie
Offenbar macht Reden glücklich
Fünf Prozent der Menschen, so das amerikanische Forscherpaar James McCroskey und Virginia Richmond, zählen sogar zu den «Talkaholics», den passionierten Plaudertaschen, die mit ihrer Redseligkeit wie eine Heimsuchung biblischen Ausmasses über ihre Umwelt kommen. Aber sind sie deshalb entsprechend unbeliebt? Nicht unbedingt. Denn in unserer Gesellschaft sind meist diejenigen angesehener, die «das Wort ergreifen», «mal durchsprechen» und «etwas zu sagen haben». Kurz: all jene, die eloquent und rhetorisch geschickt im Gespräch die Scheinwerfer auf sich selbst ausrichten.
Schon rein biologisch finden Menschen «hören» nicht halb so schick wie sprechen. Forscher:innen der Harvard-University schoben etwa Testpersonen in ein technisches Gerät namens PET-Scanner und stellten fest: Quasselten die Probanden dabei vor sich hin, leuchteten im limbischen System des Gehirns die gleichen Bereiche auf wie beim Sex, bei leckerem Essen oder unter Drogen: Offenbar macht Reden glücklich. Es muss was faul sein am Sprichwort: «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.» Zumindest fürs menschliche Hirn. Das findet Zuhören anstrengend. Und schwer. Dabei wirkt es doch so einfach. Schliesslich reagiert ab der 16. Schwangerschaftswoche schon ein Fötus auf Geräusche. In den letzten drei Monaten der Schwangerschaft kann das Ungeborene zwischen Sprache und anderen Lauten unterscheiden, durch sanftes Sprechen lässt es sich beruhigen oder durch Schreien erschrecken. Hören? Ist doch babyleicht. So scheints.
A.Niekerken: «Das Geheimnis des richtigen Zuhörens», Springer, Fr.24.–
K.Murphy: «Immer auf Sendung ... nie auf Empfang», Mosaik, Fr.32.–

Tonlage, Gestik und Mimik entschlüsseln
Margarete Imhof, Mainzer Professorin für Psychologie in den Bildungswissenschaften, wurmt diese Sichtweise schon lange. Deshalb ist auch das Zuhören ihr Spezialgebiet. «Es ist doch überhaupt nicht einzusehen, dass etwas derart Komplexes wie Zuhören kaum erforscht wird», findet sie. Gerade in der Schule scheint man davon auszugehen, wer Ohren hat, der höre. Wer hören kann, kann zuhören. Klar, gebe es in den Fremdsprachen, etwa im Englischen, die Comprehension-Tests, «aber ob und wie Kinder in ihrer Muttersprache erfassen, was da in der Klasse geredet wird: Fehlanzeige.» Dabei, findet sie, sei Zuhören eine komplizierte, vielschichtige Fähigkeit, die man üben müsse. Passiert das nicht, ist ein normal ungeübter Mensch nach einem Gespräch gerade mal in der Lage, schlappe 50 Prozent des Inhalts korrekt wiederzugeben. Margarete Imhof wundert das nicht. Schliesslich muss zum Verständnis zunächst ein ausreichender Wortschatz vorhanden sein. Dann gilt es, die Tonlage zu entschlüsseln. Die Körpersprache, samt Gestik und Mimik, die 60 Prozent der Botschaft ausmachen, muss dechiffriert werden. Es bedarf der Konzentration und auch der Selbstdisziplin, geduldig zu warten, bis der andere geendet hat, statt ihm schlaumeiernd in den Satz zu grätschen. «Und es bedarf der Wertschätzung, dass im Gespräch etwas Gemeinsames geschaffen wird, vielleicht sogar etwas Neues, völlig Unerwartetes.»
Neues jedoch mögen unsere Gehirne nicht besonders. Am liebsten trampeln sie auf ausgetretenen Pfaden herum. «Deshalb hören wir ja auch den Leuten, die wir am besten kennen, am schlechtesten zu», lacht Margarete Imhof. «Closeness-Communication-Bias» heisst der Effekt. Zu glauben, man kenne den anderen und gleich auch all das, was er sagen wird. Dieses robust ignorante «Ist ja eh immer dasselbe».
Ein typischer Gedanke, den man, bevorzugt bei uralten Kolleg:innen, bei seinen Kindern und bei Partner oder Partnerin, hat. Ein falscher Gedanke. Ein irriges Gefühl der Gewissheit, wie Forschende der University of Chicago in einer Studie nachwiesen. Da nämlich mussten in einer Probandengruppe einander fremde Personen einen Gegenstand beschreiben, den es aus einer Schachtel zu ziehen galt. In der Kontrollgruppe standen einander sehr vertraute Personen vor der gleichen Aufgabe. Ergebnis: Bei den «Fremden» fischte der jeweilige Partner deutlich eher den richtigen Gegenstand aus der Schachtel als bei den «Vertrauten». Warum ? Waren die Ohren beim eigenen Partner gewohnheitsmässig auf Durchzug gestellt ? Verzerrt Vorwissen das tatsächlich Gesagte ? Mutieren hier Interpretationen schneller zu vermeintlichen Fakten? Tausende von Paartherapeut:innen leben davon, dass wir so ticken.
Franz Klopfenstein, Anbieter von Zuhör-Kursen
Es geht nicht um mich, sondern um dich
Aber lässt sich nichts dagegen machen? Kann man daran nicht von Anfang an arbeiten? Möglichst schon bei den Kindern, damit ihr Einfühlungsvermögen wächst, sie Schulstoff besser mitbekommen und sie im besten Fall so werden wie «Momo» aus Michael Endes Buch? Die nämlich konnte «so zuhören, dass ratlose, unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten, dass unglückliche und bedrückte zuversichtlich und froh wurden».
«Buch ist ein gutes Stichwort», sagt Margarete Imhof. «Kindern vorzulesen, und zwar möglichst nicht wie ein Roboter, sondern mit Stimm-Modulation, Mimik, Gestik, Zwischenfragen ... das hilft, um gutes Zuhören bei Kindern zu fördern. Und bitte nicht stattdessen einfach, klack, das Hörspiel einlegen. Hören ist nicht Zuhören.» Gemeinsam verbrachte Momente, ungeteilte Aufmerksamkeit, echtes Interesse nicht vorschnell werten und nicht inquisitorisch aushorchen, das seien, findet Margarete Imhof, schon mal günstige Voraussetzungen.
«Und die Überzeugung: Es geht hier nicht um mich, sondern um dich», sagt Franz Klopfenstein. Der ehemalige Schreiner stellte vor sechs Jahren ein Bänkli an die Aare, setzte sich drauf und hängte ein Schild an die Bank: «Möchtest du etwas erzählen? Ich höre dir zu.» Dort konnte sich hinhocken, wer wollte und ihm einfach etwas erzählen. Egal was. «Die Erfahrung war einerseits schön, andererseits hat es mich auch nachdenklich gemacht, wie viele wildfremde Leute sich zu mir gesetzt und mir Allerpersönlichstes mitgeteilt haben.» Von Plaudereien zu Gegend und Fluss über Beziehungsprobleme bis hin zu ungewollten Schwangerschaften, alles dabei. «Offenbar fehlt vielen Menschen ein offenes Ohr. Jemand, der sich Zeit nimmt, nicht urteilt, zuhört, ohne nebenher etwas anderes zu machen. Jemand, der interessiert ist und nicht lediglich für sich selbst eine Bühne sucht.»
Inzwischen hat Franz Klopfenstein seine schräge Idee in eine Geschäftsidee verwandelt und arbeitet jetzt hauptberuflich als «Raumgeber», «Helfer zur Selbsthilfe» und Anbieter von Zuhör-Kursen. Für den Thuner ist Zuhören nicht nur der Schlüssel zu einem menschlicheren Miteinander, vielmehr ist «schlechtes Zuhören eine verpasste Chance, Neues zu lernen». Hätte das mal Dick Bass, Sohn eines texanischen Ölbarons und passionierter Hobbybergsteiger, gewusst. Der nämlich, schildert Kate Murphy in ihrem Buch, nahm Anfang der 70er-Jahre ein Flugzeug. Während des Fluges soll er seinen Sitznachbarn ohne Punkt und Komma zugetextet haben: mit Anekdoten über den Mount McKinley, geeignetes Schuhwerk und Kletterrouten. Erst beim Aussteigen habe er sich seinem stillen und dauerbeschallten Nachbarn vorgestellt. Dessen Antwort: «Hat mich sehr gefreut. Mein Name ist Neil Armstrong.»
• Zeit nehmen. Zwischen Tür und Angel oder unter Stress wird das nichts mit dem gutem Zuhören.
• Handy weg! Schon allein, wenn ein Telefon auf dem Tisch liegt, sinkt die Aufmerksamkeit.
• Wie wärs mit einem Spaziergang? Manche Menschen finden das Reden «Auge in Auge» am Tisch unangenehm.
• Interessiert Nachfragen ist nicht dasselbe wie Ausfragen. Inquisitorisches Bohren mag niemand.
• Sich vergewissern, dass man das Gesagte richtig verstanden hat. Das ist nämlich nicht selbstverständlich.
• Nein, wir kennen unsere Partner:innen nicht inund auswendig. Es ist ein Irrglaube, das zu denken.
• Es gelingt nur schlecht, den anderen nicht zu unterbrechen? Dann: sich in den Daumen kneifen oder innerlich bis vier zählen. Geduld trainieren!
• Multitasking ist ein Mythos. Gut zuhören und dabei Pfannkuchen braten, das kann keiner.
• «Aktives Zuhören», ist ein Trendbegriff. Doch die therapeutische Methode auf Küchentischgespräche herunterzubrechen, nervt. Wenn jemand einen anschreit und man «aktiv zuhörend» mit dem Satz «du bist wütend» reagiert, darf man sich nicht wundern, wenn das Gegenüber vollends ausrastet.
• Formulierungshilfen für Kinder überlegen. Oft können sie Gefühle noch nicht in Worte fassen. • Vorlesen und Reden in angenehmer Atmosphäre. Nur, wer die Erfahrung gemacht hat, dass Zuhören etwas Schönes ist, wird es selbst gern tun.
• Wie wärs mit dem Spiel: «Spitz die Ohren»? Welche Geräusche sind zu hören?
• Ego ade. Es geht um den anderen. Nicht darum, zu zeigen, wie klug und witzig man selbst ist.
• Gespräche sind schön. Nicht nur was für Probleme.
• Mal wieder Michael Endes «Momo» lesen!